Anmerkung der Redaktion: Das folgende Interview hat nie stattgefunden. Es ist eine literarische Fiktion, ein Gedankenspiel darüber, wie das Leben von Jim Morrison hätte verlaufen können, wäre er nicht am 3. Juli 1971 in Paris gestorben, sondern hätte weiter Musik gemacht, geschrieben, gelebt. Alle Aussagen sind also frei erfunden.
Es gibt Türen, die man besser nicht öffnet, hat Jim Morrison einmal gesungen. Wir haben es trotzdem versucht – in unserer Fantasie zumindest. Stellen wir uns vor, er hätte jene Pariser Nacht überlebt, hätte sich, wie es ihm nach dem Ende der Doors vorschwebte, tatsächlich ganz der Dichtung zugewandt, wäre irgendwann zurückgekommen zur Musik, hätte Kinder, graue Haare, vielleicht sogar Frieden gefunden. 82 wäre er jetzt. Wir treffen ihn – rein imaginär – in einem fensterlosen Hinterzimmer eines Cafés im 6. Arrondissement, das Diktiergerät zwischen einer Tasse schwarzem Kaffee und einem Stapel handbeschriebener Notizbücher.

RocknRoll Reporter: Mr. Morrison, danke, dass Sie sich Zeit nehmen. Die letzten fünfzig Jahre – was ist passiert?
Jim Morrison: (lacht leise) Fünfzig Jahre. Das ist ein Satz, den ich mir mit 27 nicht vorstellen konnte. Ich dachte, ich wäre Treibstoff, keine Maschine, die lange läuft. Aber Paris hat mich damals nicht geholt. Ich bin verschwunden, das schon – für eine Weile war ich niemand. Kein Sänger, kein Symbol, nur ein Mann mit einem Notizbuch, der in Bibliotheken saß und Rimbaud noch einmal von vorne las. Das habe ich gebraucht. Der Mythos wollte mich tot haben, weil Tod das Bild vollendet. Ich habe mich geweigert, das Bild zu sein.
RocknRoll Reporter: Sie haben in den frühen Siebzigern tatsächlich fast ausschließlich Gedichte veröffentlicht. Warum die Rückkehr zur Musik?
Jim Morrison: Poesie ist die Sprache allein am Tisch. Ein Song ist die Sprache im Raum mit anderen Menschen, mit Lärm, mit Körpern. Irgendwann habe ich beide vermisst – aber nicht mehr das, was die Band 1970 war: dieses Tier, das man füttern muss, jeden Abend, mit dem eigenen Fleisch. Ich wollte zurück zur Musik, aber leiser. Kleinere Räume. Mehr Worte, weniger Show. Die Platten, die ich in den späten Siebzigern und Achtzigern gemacht habe, klingen deshalb näher an Spoken Word als an „Light My Fire“. Manche Fans hat das enttäuscht. Ich habe es nicht bereut.
RocknRoll Reporter: Ray Manzarek ist längst nicht mehr unter uns. Wie war Ihr Verhältnis zu den anderen Doors über die Jahrzehnte?

Jim Morrison: Wir waren wie Brüder, die sich nach einem Streit nie ganz versöhnen und sich trotzdem nie ganz verlieren. Ray wollte immer, dass ich der Schamane bleibe, den er auf der Bühne gesehen hat. Ich wollte irgendwann einfach ein Mann mit grauem Bart sein, der seinen Kaffee trinkt und niemandem mehr etwas beweisen muss. Das hat uns auseinandergebracht und wieder zusammengeführt, mehrmals. Als er starb, habe ich zwei Wochen lang nur seine alten Orgel-Läufe gehört, immer wieder dieselben acht Takte aus „Riders on the Storm“. Manche Trauer braucht eine Schleife, keine Worte.
RocknRoll Reporter: Sie gelten heute, fünf Jahrzehnte nach dem imaginierten Karriereende, als eine Art Elder Statesman der amerikanischen Gegenkultur. Wie fühlt sich das an – vom Aufwiegler zur Institution?
Jim Morrison: Wie ein schlechter Scherz, ehrlich gesagt. Ich habe mein ganzes Leben gegen Institutionen geschrien, und jetzt laden mich Universitäten ein, über Blake und die Türen der Wahrnehmung zu dozieren. Aber vielleicht ist das der eigentliche Trick des Alterns: Man wird nicht zahmer, man wird nur müde genug, um zuzuhören, bevor man schreit. Ich sage den Studenten immer dasselbe: Lest die Dichter, die euch unbequem machen, nicht die, die euch bestätigen.
RocknRoll Reporter: Was hören Sie, wenn Sie heute Radio anmachen? Gibt es etwas an zeitgenössischer Musik, das Sie an das erinnert, was die Doors einmal versucht haben?
Jim Morrison: Ich höre selten Radio, aber ich höre zu, wenn junge Leute mir Musik zeigen. Es gibt eine Ehrlichkeit im Lärm mancher jüngerer Bands, ein Unbehagen, das ich wiedererkenne. Namen nenne ich ungern – sobald ich jemanden lobe, wird daraus eine Schlagzeile, und Schlagzeilen waren nie meine Freunde. Aber ja: Das Bedürfnis, etwas Verborgenes ans Licht zu zerren, ist nicht gestorben. Es sucht sich nur neue Instrumente.
RocknRoll Reporter: Bereuen Sie irgendetwas aus den wilden Doors-Jahren – Miami, die Exzesse, das öffentliche Zerbrechen?
Jim Morrison: Ich bereue den Schmerz, den ich Menschen zugefügt habe, die mich liebten. Ich bereue nicht den Versuch, die Grenzen zu spüren. Man kann nicht wissen, wo die Wand ist, ohne mit dem Kopf dagegen zu laufen. Was ich heute anders sehe: Ich dachte damals, Exzess sei ein Weg zur Wahrheit. Inzwischen glaube ich, Wahrheit findet man eher in der Stille danach, im Aufräumen, im Weiterleben. Das ist weniger romantisch. Es ist aber ehrlicher.
RocknRoll Reporter: Zum Schluss: Wenn der 27-jährige Jim Morrison, der 1971 in dieser Stadt fast gestorben wäre, Ihnen heute gegenübersäße – was würden Sie ihm sagen?
Jim Morrison: (lange Pause) Ich würde ihm sagen: Die Tür, die du aufbrechen willst, muss man nicht eintreten. Manchmal öffnet sie sich von selbst, wenn man einfach lange genug davor sitzen bleibt. Und ich würde ihm sagen, dass die Musik noch da sein wird, auch wenn er sie eine Weile loslässt. Sie wartet nicht ungeduldig. Sie wartet einfach.
Dieses Interview ist eine Fiktion und erhebt keinen Anspruch auf Authentizität. Es entstand als Gedankenexperiment.
Infokasten: Wer war Jim Morrison wirklich?
- Geboren: 8. Dezember 1943 in Melbourne, Florida (USA)
- Gestorben: 3. Juli 1971 in Paris, im Alter von 27 Jahren
- Bekannt als: Sänger, Lyriker und Frontmann von The Doors
- Band gegründet: 1965 in Los Angeles, gemeinsam mit Ray Manzarek, Robby Krieger und John Densmore
- Größte Songs: „Light My Fire“, „Break On Through (To the Other Side)“, „Riders on the Storm“, „The End“, „People Are Strange“
- Als Autor: veröffentlichte zu Lebzeiten den Gedichtband „The Lords and the New Creatures“ (1969); postum erschienen u. a. „Wilderness“ (1988) und „The American Night“ (1990)
- Spitzname: „Lizard King“ – wegen seiner theatralischen, oft schamanistisch aufgeladenen Bühnenpräsenz
- Todesursache: offiziell Herzversagen; es wurde keine Autopsie durchgeführt, was bis heute Spekulationen befeuert
- Grabstätte: Friedhof Père Lachaise, Paris – bis heute eines der meistbesuchten Gräber weltweit
- „Club 27″: gehört zur Gruppe prominenter Musiker, die im Alter von 27 Jahren starben, u. a. Jimi Hendrix, Janis Joplin, später Kurt Cobain und Amy Winehouse
- Ehrung: The Doors wurden 1993 in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen

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