Anmerkung der Redaktion: Das folgende Interview hat nie stattgefunden. Es ist eine literarische Fiktion, ein Gedankenspiel darüber, wie das Leben von Jimi Hendrix hätte verlaufen können, wäre er nicht am 18. September 1970 in London gestorben, sondern hätte weiter Musik gemacht. Alle Aussagen sind also frei erfunden.
Er wollte weg von der brennenden Gitarre, weg vom Feuerwerk, hin zu etwas Größerem – das hat Jimi Hendrix in seinen letzten Lebensmonaten mehrmals angedeutet. Gespräche mit Miles Davis, Pläne für ein Orchesterprojekt mit Gil Evans, eine neue Band jenseits der Experience. Stellen wir uns vor, er hätte die Nacht in der Samarkand-Hotel-Suite überlebt. 83 wäre er jetzt. Wir treffen ihn – rein imaginär – in einem kleinen Studio am Stadtrand von Woodstock, New York, umgeben von Verstärkern, die er seit fünfzig Jahren nicht mehr braucht, aber nie weggegeben hat.

RocknRoll Reporter: Mr. Hendrix, fünfzig Jahre nach jener Nacht in London – wie blicken Sie heute darauf zurück?
Jimi Hendrix: Mit Dankbarkeit, ehrlich gesagt. Ich war damals erschöpft, ausgebrannt von Tourneen, von Erwartungen, von diesem Bild des brennenden Gitarrengottes, das ich selbst mit angezündet hatte und nicht mehr löschen konnte. Diese Nacht hätte anders enden können. Ist sie aber nicht. Und seitdem versuche ich, jeden Tag so zu spielen, als wäre er geschenkt – weil er das im Grunde ist.
RocknRoll Reporter: Sie standen 1970 kurz davor, mit Miles Davis zusammenzuarbeiten. Ist daraus je etwas geworden?
Jimi Hendrix: Miles und ich haben Jahre gebraucht, um überhaupt zusammen ins Studio zu gehen – zwei Sturköpfe, die beide dachten, sie hätten die bessere Idee. Aber 1974 haben wir es endlich gemacht, mit Gil Evans am Arrangement. Kein Rockalbum, kein Jazzalbum – etwas dazwischen, das damals keiner einordnen konnte. Heute nennen es manche den Anfang von etwas. Ich nenne es einfach die beste Woche meines musikalischen Lebens.
RocknRoll Reporter: Die Experience hat sich früh aufgelöst. Wie hat sich Ihr Spiel seitdem verändert?

Jimi Hendrix: Mit Noel und Mitch hatte ich drei Menschen, die versuchten, ein Feuer zu kontrollieren. Danach habe ich gelernt, dass Musik nicht immer explodieren muss, um wahr zu sein. Band of Gypsys war der erste Schritt – mehr Raum, mehr Groove, mehr Stille zwischen den Noten. Was ich in den Siebzigern und Achtzigern gespielt habe, hätte der 24-jährige Jimi wahrscheinlich zu leise gefunden. Der 83-jährige Jimi weiß: In der Stille steckt genauso viel Feuer, man muss nur genau hinhören.
RocknRoll Reporter: Sie haben Electric Lady Studios noch selbst eröffnet. Was ist aus dieser Idee geworden?
Jimi Hendrix: Das war mein Versuch, etwas zu bauen, das mich überlebt, egal was passiert – ein Ort, an dem andere Leute ihre eigenen Klänge finden können, ohne dass ihnen jemand ins Ohr redet, wie „richtige“ Musik klingen muss. Dass ich am Ende selbst fünfzig Jahre lang dort ein- und ausgegangen bin, damit habe ich nie gerechnet. Es ist immer noch das Zuhause, in dem ich mich am freiesten fühle.
RocknRoll Reporter: Woodstock, die „Star-Spangled Banner“ – dieser Moment wird bis heute zitiert. Wie stehen Sie heute dazu?
Jimi Hendrix: Damals war das ein Schrei – über Vietnam, über ein Land, das sich selbst belog. Die Verzerrung, die Sirenen, die Bomben aus der Gitarre, das war kein Zufall. Heute spiele ich die Melodie manchmal noch, aber leiser, fast zärtlich. Nicht weil der Zorn weg ist. Sondern weil ich gelernt habe, dass Wut, die man fünfzig Jahre mit sich trägt, sich in etwas anderes verwandeln muss, sonst frisst sie einen auf.
RocknRoll Reporter: Was sagen Sie zu den vielen Gitarristen, die seit Ihrem Tod – pardon, seit jener Nacht – versucht haben, in Ihre Fußstapfen zu treten?
Jimi Hendrix: Ich habe nie Fußstapfen hinterlassen wollen, ich wollte Türen aufstoßen. Manche der jüngeren Spieler, die ich gehört habe, haben das verstanden – sie klingen nicht wie ich, sie klingen wie sie selbst, und genau das ist das größte Kompliment, das man mir machen kann. Die, die versuchen, mich zu kopieren, langweilen mich ehrlich gesagt am schnellsten. Und dann gibt es noch eine ganz andere Sorte – Leute wie Randy Hansen, die gar nicht erst versuchen, etwas Eigenes daraus zu machen, sondern die ganze Show noch einmal aufleben lassen: die Klamotten, die Gitarre mit den Zähnen, jeder Ton von ’67 originalgetreu nachgespielt. Das erste Mal, als ich mir so einen Auftritt angesehen habe, war es fast gespenstisch – wie eine Fotografie, die plötzlich anfängt, sich zu bewegen. Aber ich habe irgendwann verstanden, dass es dabei gar nicht um mich geht, sondern um die Leute im Publikum, die mich nie live erlebt haben. Zwei Stunden lang bekommen sie das Gefühl, dabei gewesen zu sein, während ich daneben stehe und längst etwas ganz anderes spiele. Komisch, sich selbst als Museumsstück zuzusehen – aber ich nehme es niemandem übel. Das ist Respekt, keine Anmaßung, und den Unterschied spürt man als Erster selbst.
RocknRoll Reporter: Zum Schluss: Was würden Sie dem 27-jährigen Jimi sagen, der 1970 in diesem Hotelzimmer in London fast gestorben wäre?
Jimi Hendrix: (lange Pause, dann ein Lächeln) Ich würde ihm sagen: Leg die Gitarre mal weg, bevor sie dich auffrisst. Die Musik läuft dir nicht davon, auch wenn du schläfst, isst, dich verliebst oder einfach mal nichts tust. Und ich würde ihm sagen, dass die lauteste Note nicht immer die ehrlichste ist. Manchmal ist es die, die du gar nicht spielst.
Dieses Interview ist eine Fiktion und erhebt keinen Anspruch auf Authentizität. Es entstand als Gedankenexperiment.
Infokasten: Wer war Jimi Hendrix wirklich?
- Geboren: 27. November 1942 in Seattle, Washington (USA) als James Marshall Hendrix
- Gestorben: 18. September 1970 in London, im Alter von 27 Jahren
- Bekannt als: Gitarrist, Sänger und Songwriter – gilt bis heute als einer der einflussreichsten E-Gitarristen der Musikgeschichte
- Band: The Jimi Hendrix Experience (ab 1966 in London, mit Noel Redding und Mitch Mitchell), später Band of Gypsys (mit Billy Cox und Buddy Miles)
- Wegweisende Alben: „Are You Experienced“ (1967), „Axis: Bold as Love“ (1967), „Electric Ladyland“ (1968); postum „The Cry of Love“ / „First Rays of the New Rising Sun“
- Legendäre Auftritte: Gitarre anzünden beim Monterey Pop Festival 1967; die improvisierte „Star-Spangled Banner“-Version bei Woodstock 1969
- Eigenes Studio: eröffnete 1970 die Electric Lady Studios in New York, eines der ersten von einem Musiker selbst betriebenen Tonstudios
- Todesursache: offiziell Erstickung nach Einnahme von Schlafmitteln in Kombination mit Alkohol; die genauen Umstände sind bis heute umstritten
- „Club 27″: gehört zur Gruppe prominenter Musiker, die im Alter von 27 Jahren starben, u. a. Janis Joplin, Jim Morrison, später Kurt Cobain und Amy Winehouse
- Ehrung: 1992 postum in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen; regelmäßig auf Platz 1 einschlägiger „größte Gitarristen aller Zeiten“-Listen

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