
Sven Regener hat mit den Lehmann-Brüdern eine der beständigsten Figurenkonstellationen der deutschen Gegenwartsliteratur geschaffen, und mit „Frankie und Freddie“ schickt er nun zwei weitere Vertreter dieser Familie auf große Fahrt. Am 3. September 2026 erschien bei tacheles!/ROOF Music die ungekürzte Autorenlesung, gut 5 Stunden und 48 Minuten lang, gelesen von Regener selbst.
Die Handlung ist schnell umrissen und zeigt gerade darin Regeners Handschrift: Frankie und Freddie Lehmann, zwei Brüder aus Bremen, verschlägt es ins Westberlin des Jahres 1980. Während der eine seit Wochen versucht, in Kreuzberg Fuß zu fassen, will der andere eigentlich weiter nach New York, muss sich aber vorerst als zahlendes Versuchskaninchen für Antidepressiva in einem Probandenhotel am Kudamm durchschlagen. Einen Tag vor Heiligabend hat er Angst vor Menschen, traut sich nicht mehr in die U-Bahn und verliert ausgerechnet jetzt eine wichtige Tasche. Aus dieser simplen Ausgangslage baut Regener eine Odyssee durch eine geteilte Stadt zwischen Kälte und Anarchie, Resignation und Überlebenswillen.
Der Lehmann-Kosmos im Überblick
Was 2001 als Einzelroman begann, ist inzwischen auf sieben Bücher angewachsen. Die ersten drei Titel wurden zunächst als „Lehmann-Trilogie“ gehandelt, bevor Regener ab 2013 immer wieder ins selbe Westberliner Figurenuniversum zurückkehrte:
- Herr Lehmann (2001) – der Auftakt, spielt 1989 kurz vor dem Mauerfall in Kreuzberg, verfilmt 2003
- Neue Vahr Süd (2004) – Vorgeschichte, Franks Bundeswehrzeit in Bremen
- Der kleine Bruder (2008) – Franks Umzug von Bremen nach Berlin
- Magical Mystery oder: Die Rückkehr des Karl Schmidt (2013) – Wiedersehen mit alten Figuren auf Tour, verfilmt 2017
- Wiener Straße (2017) – zurück ins Westberlin des Jahres 1980
- Glitterschnitter (2021) – direkte Fortsetzung von „Wiener Straße“, ebenfalls 1980 angesiedelt
- Frankie und Freddie (2026) – der aktuelle Band, ebenfalls im Winter 1980
Wer neu einsteigt, kann sich an der Handlungschronologie orientieren und mit „Neue Vahr Süd“ beginnen, muss aber keine Angst vor Spoilern haben. Regener erzählt jeden Band so, dass er auch einzeln funktioniert, auch wenn Wiedererkennungswert und Insider-Freude mit jedem gelesenen Titel wachsen.
Wer Regeners frühere Lesungen kennt, weiß, worauf er sich einlässt, und wird nicht enttäuscht. Die sonore, leicht bremisch eingefärbte Stimme trägt die Geschichte souverän durch alle Tonlagen, vom trockenen Witz bis zu den leiseren, verletzlicheren Passagen der Handlung. Gerade weil Regener seine eigenen Texte liest, entsteht ein Grad an Vertrautheit zwischen Text und Vortrag, den fremde Sprecher nur selten erreichen. Timing und Pointensetzung sitzen dort, wo sie sitzen sollen, was bei einem Autor, der seine Sprache auch musikalisch denkt, kaum überrascht.
Einordnung im Werk
Wer auf eine Weiterentwicklung oder eine Überraschung gehofft hatte, wird sie hier nicht finden, muss sie aber auch nicht vermissen. „Frankie und Freddie“ bewegt sich im gewohnten Terrain der Lehmann-Bücher: Berlin als Bühne, beiläufige Situationskomik, ein Figurenpersonal, das an der eigenen Umwelt scheitert und sich gerade darin sympathisch macht. Das ist solide erzählt und gut gebaut, ohne dass sich das Buch neu erfinden würde. Für Regener-Neulinge ist das ein guter Einstieg, für langjährige Hörer eher eine verlässliche Fortsetzung als ein Höhepunkt.
Hörprobe (von: ROOF Music / tacheles)
Zur Person: Sven Regener
Sven Regener wurde am 1. Januar 1961 in Bremen geboren und wuchs dort in den Stadtteilen Neue Vahr und Blockdiek auf. Bereits mit sechzehn war er Sekretär des Kommunistischen Jugendbundes Bremen, den Wehrdienst verweigerte er später über eine Gewissensprüfung, eine Episode, die als Vorlage für seinen Roman „Neue Vahr Süd“ diente. Nach dem Abitur studierte er Musikwissenschaften in Hamburg und Berlin. 1985 gründete er in Berlin die Band Element of Crime, in der er Gitarre spielt und den Großteil der Texte schreibt.
2001 erschien mit „Herr Lehmann“ sein literarisches Debüt, das zum Überraschungserfolg wurde und sich über eine Million Mal verkaufte. Für das Drehbuch zur Verfilmung von 2003 mit Christian Ulmen in der Titelrolle erhielt Regener sowohl den Deutschen Filmpreis in Gold als auch den Deutschen Drehbuchpreis. Neben der Lehmann-Reihe veröffentlichte er zuletzt den Roman „Die Frau mit dem Arm“ (2023) und den Essay „Zwischen Depression und Witzelsucht. Humor in der Literatur“ (2024).

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