
Spinal Tap II ist ein Film, der sich seiner eigenen Hypothek sehr bewusst ist. Mit This Is Spinal Tap hat er nicht nur einen Vorgänger, sondern einen Maßstab, an dem sich jede einzelne Szene messen lassen muss. Und genau darin liegt seine größte Herausforderung – und paradoxerweise auch seine Stärke.
Die Rückkehr von David St. Hubbins, Nigel Tufnel und Derek Smalls funktioniert zunächst erstaunlich mühelos. Die Figuren sind sofort wieder da: in ihrer Mischung aus Selbstüberschätzung, Naivität und völliger Realitätsverweigerung. Der Film verzichtet klugerweise darauf, sie grundlegend zu verändern. Stattdessen verschiebt er den Kontext. Wo früher Tourbus und Plattenvertrag das Spielfeld waren, sind es heute Streamingzahlen, Algorithmen und Social-Media-Relevanz.
Gerade hier entfaltet Spinal Tap II seine stärksten Momente. Die Mechanismen der modernen Musikindustrie werden nicht frontal satirisch zerlegt, sondern durch die Perspektive der Band verzerrt. Wenn Nigel versucht, digitale Tools mit der gleichen Logik zu verstehen wie Gitarrenverstärker („Kann man das nicht einfach auf 11 drehen?“), entstehen genau die absurden, trockenen Situationen, die schon das Original getragen haben. Diese Art von Humor – leise, fast beiläufig und oft erst mit Verzögerung zündend – ist weiterhin die größte Qualität des Films.
Inszenatorisch bleibt man dem Mockumentary-Stil treu. Die Kamera wirkt bewusst unaufgeregt, fast dokumentarisch, und lässt den Figuren Raum. Das funktioniert besonders gut in den Interviewsituationen, in denen sich die Bandmitglieder selbst entlarven. Der Schnitt setzt Pointen nicht aggressiv, sondern vertraut darauf, dass sie im Spiel der Darsteller entstehen. Das ist altmodisch im besten Sinne – und ein angenehmer Gegenpol zu überinszenierten Comedy-Formaten.
Allerdings zeigt sich im Verlauf auch, wo die Grenzen liegen. Spinal Tap II bewegt sich immer wieder gefährlich nah an der Selbstkopie. Bestimmte Strukturen – eskalierende Missverständnisse, technische Katastrophen, grotesk überhöhte Selbstwahrnehmung – sind vertraut. Zu vertraut. Der Film spielt bewusst mit diesen Erwartungen, schafft es aber nicht immer, sie zu brechen oder weiterzuentwickeln. Man erkennt die Mechanik hinter dem Witz schneller als früher.
Spürbare Melancholie
Ein weiterer Punkt ist die Dramaturgie. Wie schon im Original ist die Handlung eher lose strukturiert, eine Abfolge von Episoden statt einer klar durchgezogenen Geschichte. Das passt grundsätzlich zum Konzept, führt aber dazu, dass der Film in der Mitte leicht an Spannung verliert. Es gibt keinen echten narrativen Sog, der einen zwingend durchzieht – stattdessen lebt alles von den einzelnen Szenen. Wenn die funktionieren, trägt das. Wenn nicht, merkt man die Leerlaufphasen.
Was Spinal Tap II jedoch deutlich besser macht, als man erwarten könnte, ist der Umgang mit dem Thema Vergänglichkeit. Hinter all den Gags liegt eine spürbare Melancholie. Die Band ist nicht mehr auf dem Höhepunkt, sondern bewegt sich in einem Zwischenraum: zu bekannt, um irrelevant zu sein, aber zu alt, um noch wirklich im Zentrum zu stehen. Diese Ambivalenz wird nie ausgespielt, sondern nur angedeutet – und genau dadurch wirkt sie stärker. Es gibt Momente, in denen der Film fast still wird, in denen man merkt, dass hinter der Pose etwas bröckelt.
Schauspielerisch lebt der Film komplett von seinem Ensemble. Die Chemie zwischen den Figuren ist nach wie vor intakt, und gerade die kleinen, unscheinbaren Reaktionen machen den Unterschied. Ein Blick, eine Pause, ein falsch gesetzter Satz – daraus entstehen oft die besten Momente. Es ist weniger das, was gesagt wird, als die Art, wie es gesagt wird.
Unterm Strich ist Spinal Tap II ein Film, der sich nicht neu erfindet – und das auch gar nicht versucht. Er erweitert das bestehende Universum, statt es umzubauen. Das führt dazu, dass er nie die Sprengkraft des Originals erreicht. Aber er liefert genug kluge Beobachtungen, trockenen Humor und leise Zwischentöne, um mehr zu sein als nur ein nostalgischer Aufguss.
