
Neulich hat irgendein Unwürdiger vom Spiegel eine Kolumne geschrieben. Der Titel „Das Gitarrensolo ist tot. Bitte belebt es nicht wieder!“ Wie gerne beim Spiegel von oben herab und mit möglichst wenig Expertise in Sachen Popkultur. Da muss ich also ‚mal ran jetzt….
Der Gitarrist tritt nach vorne. Die Band spielt weiter, der Sänger verschwindet einen Schritt nach hinten, und plötzlich macht einer etwas, das seit Jahrzehnten angeblich tot ist: Er spielt ein Gitarrensolo.
Man könnte natürlich meinen, das Konzept hätte längst ausgedient. In Zeiten von Streaming, kurzen Aufmerksamkeitsspannen und Songs, die möglichst schnell zum Refrain kommen sollen, wirkt ein zweiminütiges Solo fast schon wie kultureller Widerstand. Die Regeln des modernen Musikgeschäfts sprechen eigentlich dagegen. Soli kosten Zeit. Sie sind selten radiotauglich. Und sie lassen sich schlecht in einen 15-Sekunden-Clip pressen. Genau deshalb funktionieren sie immer noch.
Ein gutes Gitarrensolo erfüllt eine Aufgabe, die kein Algorithmus ersetzen kann. Es ist der Moment, in dem ein Musiker nicht nur einen Song spielt, sondern etwas Persönliches daraus macht. Natürlich kann man darüber streiten, ob man wirklich noch das zwölfte Pentatonik-Lick des Abends hören muss. Die Diskussion gibt es seit ungefähr 1974. Trotzdem stehen die Leute noch immer vor der Bühne und schauen genau dann besonders aufmerksam hin.
Ich merke das regelmäßig auf Konzerten. Während einer Strophe wird gequatscht, Bier geholt oder auf das Handy geschaut. Dann kommt das Solo. Plötzlich gehen die Köpfe nach oben. Selbst Menschen, die keine Ahnung haben, was da technisch passiert, erkennen intuitiv: Jetzt passiert etwas Besonderes. Oder zumindest etwas, das oft nur in diesem Moment entsteht.
Es wirk altmodisch, deshalb ist es oft gut
Natürlich gibt es auch die andere Seite. Nicht jedes Solo ist automatisch Kunst. Manche Gitarristen behandeln Soli wie einen Pflichttermin beim Zahnarzt. Es gehört dazu, also wird es erledigt. Möglichst schnell und ohne bleibende Schäden. Andere spielen so viele Noten, dass man irgendwann hofft, ihnen geht die Batterie im Effektgerät aus. Geschwindigkeit allein hat noch nie einen Song besser gemacht.
Die großen Solisten wussten das meist selbst. Ob Eddie Van Halen, Gary Moore oder Slash – die erinnern wir nicht wegen der Anzahl gespielter Töne. Sondern weil man ihre Soli oft nach zwei Sekunden erkennt. Das ist deutlich schwerer als möglichst schnell über das Griffbrett zu rennen.
Interessant ist dabei, dass Gitarrensoli außerhalb der Rockwelt längst nicht verschwunden sind. Im Jazz waren sie nie weg. Im Blues sowieso nicht. Selbst in modernen Popproduktionen tauchen immer wieder Solopassagen auf, nur oft mit anderen Instrumenten. Der Wunsch, einem Musiker kurz die Bühne zu überlassen, scheint erstaunlich hartnäckig zu sein.
Vielleicht liegt das daran, dass Menschen Geschichten mögen. Ein Solo ist letztlich nichts anderes. Anfang, Entwicklung, Höhepunkt, Ende. In einer Zeit, in der vieles auf Effizienz getrimmt wird, wirkt das fast altmodisch. Aber genau das macht den Reiz aus. Niemand braucht zwingend ein Gitarrensolo. Genauso wenig wie niemand zwingend einen Oldtimer braucht. Trotzdem gibt es Dinge, die man nicht nach ihrem praktischen Nutzen bewertet.
Auf Konzerten zeigt sich das besonders deutlich. Wenn ein Gitarrist einen Ton spielt, ihn stehen lässt und die Halle kurz den Atem anhält, dann ist das oft spannender als fünf perfekt produzierte Popsongs hintereinander. Nicht immer. Aber oft genug. Gitarrensoli kommen deshalb nicht aus der Mode, weil sie nie nur Technik waren. Sie sind Persönlichkeit auf sechs Saiten.
Und Persönlichkeit hat bisher jeden Trend überlebt.
Bis nächsten Freitag,
yours Doc Rock

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