Diese und weitere Geschichten aus über 20 Jahren im Fotograben gibt’s demnächst in meinem Buch „Tales – Geschichten aus dem Fotograben“.
Manchmal liegen zwischen zwei Städten nur ein paar Buchstaben. Und neunzig Minuten.
An diesem Abend fotografiere ich einen US-amerikanischen Gitarristen, der Musikgeschichte geschrieben hat. Jahrzehntelang steht er als außerirdische Kunstfigur mit silbernem Make-up auf den größten Bühnen der Welt, verkauft Millionen Platten und reist wahrscheinlich häufiger um den Globus als die meisten Piloten.

Man sollte meinen, jemand mit dieser Tourerfahrung findet problemlos den Weg zu einer Konzerthalle im Ruhrgebiet. Sollte man.
Vor der Show steht noch ein Meet & Greet auf dem Programm. Fans haben dafür gutes Geld bezahlt. Ein Foto, ein Autogramm, vielleicht ein paar Worte mit ihrem Idol. Alles ist vorbereitet. Nur einer fehlt: der Star.
Erst denkt niemand etwas dabei. Zehn Minuten Verspätung kommen schon mal vor. Dann werden zwanzig daraus. Dreißig. Hinter den Kulissen wird telefoniert, organisiert und spekuliert. Unfall? Stau? Technischer Defekt?
Die Wahrheit ist deutlich besser: Der Gitarrist möchte in Deutschland unbedingt selbst Auto fahren. Kein Fahrer, keine Limousine – er will selbst ans Steuer. Kann man machen. Dumm nur, wenn man nach Bochum muss und stattdessen in Beckum landet. Rund achtzig Kilometer entfernt. Für deutsche Ohren klingt das kaum ähnlich. Mit amerikanischem Akzent vielleicht schon. Ob das Navigationssystem den Fahrer missverstanden hat oder der Fahrer das Navi, wird wohl für immer sein Geheimnis bleiben.
Als er schließlich an der Halle ankommt, ist der Zeitplan längst Geschichte. Das Meet & Greet wird drastisch verkürzt – die Fans, die dafür bezahlt haben, bekommen deutlich weniger Zeit als versprochen.

Die Show selbst ist dann genau das Gegenteil der Anreise: souverän, routiniert, voller Spielfreude. Kaum steht er auf der Bühne, ist von der Irrfahrt nichts mehr zu merken. Die Soli sitzen, das Publikum feiert jede Minute – und wer die Vorgeschichte nicht kennt, würde nie vermuten, dass dieser Abend beinahe in einer anderen Stadt begonnen hätte.
Diese und weitere Geschichten aus über 20 Jahren im Fotograben gibt’s demnächst in meinem Buch „Tales – Geschichten aus dem Fotograben“.

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