
Diesen Sommer lese ich wieder die immer gleichen Meldungen, nur mit anderen Namen dran. Das Panama Open Air in Bonn hat nach der Insolvenz seines Veranstalters dichtgemacht. Das MELT findet dieses Jahr gar nicht erst statt, offiziell wegen steigender Kosten und sinkender Besucherzahlen. Das Meadow Festival bei Feuchtwangen musste absagen, weil der Veranstalter Insolvenz anmelden musste. Und dann ist da noch XJazz!, Berlins größtes Jazzfestival, das 2026 ausfällt, nicht weil niemand hinwollte, sondern weil die Kulturverwaltung längst bewilligte Fördermittel plötzlich nicht mehr freigab, nachdem Künstler schon gebucht und Locations schon bestätigt waren. Was diese vier eint: keiner von ihnen heißt Rock am Ring, Wacken oder Hurricane.
Es sind die Kleinen
Die Großen können ein schlechtes Jahr querfinanzieren. Sponsoren, Ticketing-Plattformen mit Vorkasse, ein Portfolio aus fünf anderen Festivals, die den Ausfall auffangen. Panama Open Air, MELT, Meadow Festival, XJazz!, das waren alles Veranstaltungen mit einem Team, einer Location, einer Kalkulation, die schon bei einer verweigerten Förderzusage oder einem schwachen Vorverkauf ins Minus kippt. Ich stehe seit Jahrzehnten in Fotogräben, und ich kann euch sagen: die Festivals, bei denen die Orga noch selbst den Blechdraht am Zaun festbindet, waren immer die, bei denen man am meisten Musik und am wenigsten Marketing bekommen hat. Genau die sterben jetzt weg, und zwar nicht als Einzelfälle. Weltweit wurden 2025 bereits über vierzig Festivals abgesagt, und allein in Großbritannien haben 2024 sechzig Festivals ihr Ende gefunden.
Was macht das mit dem Rest der Szene, wenn gleichzeitig private Equity und Konzertkonzerne in genau die Festivals einsteigen, die überleben? Nicht mehr Qualität, das kann euch keiner erzählen. Was reinkommt, sind Namen, auf die sich eine Marketingabteilung einigen kann. Der immer gleiche Headliner-Pool, durchgereicht von Festival zu Festival, austauschbar wie ein Werbeblock zwischen zwei Slots. Risiko ist für Investoren ein Fehler im System, keine künstlerische Kategorie. Also bucht man den Act, der niemandem wehtut, den man auch der Tante erklären kann, und nennt das dann Kuratierung. Eine aktuelle Branchenanalyse bestätigt sogar den Mechanismus dahinter: Wer sich für ein Festival entscheidet, wählt zunehmend das etablierte, große Event statt eines kleineren mit mehreren Genres, weshalb kleine und mittelgroße Veranstaltungen dauerhaft von der Bildfläche verschwinden.
Es bleibt der Geldsack-Zirkel
Kleine und mittelgroße Festivals sind der Ort, wo Bands zwischen zweihundert und zweitausend Zuschauern spielen, bevor sie entweder größer werden oder es eben nicht tun. Wo Genre-Nischen wie Jazz, siehe XJazz!, überhaupt eine Bühne bekommen, ohne dass jemand vorher eine Amortisationsrechnung dafür aufmacht. Fällt diese Ebene weg, bleibt oben ein geschlossener Geldsack-Zirkel übrig, der sich die immer gleichen Namen zuschiebt, und unten gar nichts mehr. Keine Übungsbühne, kein Sprungbrett, kein Ort zum Scheitern-Dürfen, ohne dass gleich eine Bilanzabteilung oder eine Kulturverwaltung mitliest. Und dann wird immer gejammert, dass nach Iron Maiden und Co nichts nachkommt…
Und ja, ich gehöre selbst zu denen, die diese Entwicklung mitgetragen haben, ganz unschuldig bin ich auch nicht. Wie oft hab ich für eine Akkreditierung bei einem Riesen-Festival gekämpft, während die Anfrage vom Fünfhundert-Leute-Festival im Nachbarort ungelesen im Postfach verrottet ist. Reichweite lockt, das kleine Festival bringt weniger Klicks, weniger Klicks bedeutet weniger Aufmerksamkeit für genau die Veranstalter, die sie am nötigsten hätten. Die Szene frisst sich selbst ein bisschen, und ich hab fleißig mitgekaut. Kommt mir aber alles langsam hoch.
Wenn Panama Open Air, MELT, Meadow Festival und XJazz! keine Einzelfälle sind, sondern ein Muster, dann verschwindet nicht nur ein Wochenende im Kalender. Es verschwindet die Infrastruktur, die überhaupt erst dafür sorgt, dass in zehn Jahren noch jemand auf den großen Bühnen steht, den es zu sehen lohnt, und es verschwindet der Mut, jemanden zu buchen, den nicht schon alle kennen. Die Konzentration nach oben sieht auf den ersten Blick nach Gesundheit aus, mehr Zuschauer, mehr Umsatz, glänzende Zahlen. In Wahrheit ist es der Moment, in dem eine Szene beginnt, von ihrer eigenen Substanz zu leben, kuratiert von Leuten, deren letzter Konzertbesuch eine Investorenpräsentation war.
Wir müssen aufhören, das Sterben der Kleinen als Marktbereinigung zu sehen, und anfangen, es als das zu behandeln, was es ist: der langsame Kollaps des Unterbaus, auf dem alles andere steht. Aber hey, Hauptsache, das Headliner-Lineup für nächstes Jahr wird schon durchgesickert sein, produziert von einer Findungskommission, die niemand gewählt hat, bevor überhaupt noch jemand fragt, wer eigentlich die Vorbands spielen soll oder ob es das Deathmetalfestival von nebenan überhaupt noch gibt.
See you out there,
yours Doc Rock

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