
Tief in den 80ern: Westfalenhalle 2, Dortmund. Mein Vater hat mich hingefahren und wieder abgeholt. Er weiß nicht, was drinnen passiert. Ich weiß es auch nicht – es ist mein erstes Konzert überhaupt. Ich habe eine Kassette, Cuts Like a Knife, und eine ungefähre Vorstellung davon, was gleich passieren könnte.
Ein Kanadier betritt die Bühne und macht Lärm. Guten Lärm. Den richtigen Lärm. Und irgendwo in diesem Lärm begreife ich, dass Musik aus Lautsprechern und Musik live zwei verschiedene Aggregatzustände derselben Substanz sind. Das eine kannte ich. Das andere kannte ich ab diesem Abend. Der Kanadier war Bryan Adams – damals noch als Rockmusiker.
Da war er kein Schmusesänger. Er war roh, direkt, ohne Umschweife. Cuts Like a Knife war eine Rockplatte, keine Gefühlsduselei. Summer of ’69 kam gerade raus, Reckless lief auf Hochtouren – das war ein Mann, der wusste, wo er hinwollte, und der dahin rannte. Auch da gab es schon Balladen, cheesy genug, um geil zu sein. Nicht kalkuliert genug, um zu langweilen.
Das erste Konzert zählt bis zum letzten
Dann kam 1991. Waking Up the Neighbours. Have You Ever Really Loved a Woman. Everything I Do, I Do It for Robin Hood oder irgendwen. Bryan Adams mutierte zum größten Balladen-Langweiler des Jahrzehnts, ein Titel, für den es harte Konkurrenz gab.
Ich verstehe, was passiert ist. Erfolg passiert. Stadien passieren. Produzenten passieren. Aber der Mann, der Mitte der 80er in Dortmund auf der Bühne stand, und der Mann, der danach „Have You Ever Really Loved a Woman“ aufnahm – das können nicht dieselben Menschen sein. Das ist biologisch kaum erklärbar.
Er hat den Rock verraten!
Bryan Adams hat mich das gelehrt. Westfalenhalle 2, Papa wartet auf dem Parkplatz. Dass derselbe Bryan Adams später den RocknRoll verraten würde, wusste ich damals nicht. Gut so. Ich wäre sonst vielleicht früher rausgegangen.
Das Gemeine daran: Es hat das erste Konzert nicht rückwirkend schlechter gemacht. Aber es hat einen Schatten drauf geworfen, der bis heute sitzt. Wer Bryan Adams nur vom Radio kennt, weiß nicht, was er verpasst hat. Wer damals dabei war, weiß es – und weiß auch, dass er es nie zurückbekommt.
Das erste Konzert zählt nicht, weil es das erste war. Es zählt, weil es das war, was danach kommt – dieses Begreifen, dass Musik live eine andere Sache ist. Dass ein Mensch auf einer Bühne etwas auslösen kann, das eine Kassette nicht auslösen kann. Und es zählt bis zum letzten Konzert seines Lebens.
Bis nächsten Freitag,
yours Doc Rock

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