
Ein Song taucht in der Playlist auf, und mein Finger ist beim Skip, bevor mein Kopf überhaupt gefragt wurde. Kein bewusster Gedanke, kein Abwägen. Reflex. Das Blöde daran: musikalisch ist an dem Song nichts falsch. Der ist gut. War schon immer gut. Nur ich kann ihn nicht mehr hören.
Fangen wir klein an. Ein Gitarrist, technisch über jeden Zweifel erhaben, den ich sehr geschätzt habe. Ich hatte die Gelegenheit, ihn zu interviewen. Hatte mich gefreut, ehrlich vorbereitet, echte Fragen mitgebracht. Und bekam: einsilbige Antworten, Blick woanders hin, spürbare Lust, das Ganze hinter sich zu bringen. Keine Feindseligkeit, kein Drama. Nur komplette Gleichgültigkeit.
Das ist fast das Enttäuschendste, was einem passieren kann. Ein Konflikt hätte wenigstens Energie gehabt. Das hier war einfach nur: leer. Und seitdem höre ich seine Musik anders. Nicht schlechter im Sinne von technisch schlechter, sondern lustlos. Als hätte sich seine Interview-Haltung nachträglich in die Aufnahmen eingeschlichen, obwohl ich weiß, dass das Quatsch ist. Zeitlich unmöglich sogar. Trotzdem sitzt es da.
Das ist eine Fußnote gegen das, was mit einem anderen Ausnahmegitarristen passiert ist. Für mich nie einfach nur ein Musiker. Das war einer meiner echten Helden. Die Sorte Musiker, bei der man als Jugendlicher dachte, so will ich das mal können, auch wenn man wusste, dass man es nie können würde.
Trennt man die Kunst nicht eigentlich vom Menschen?
Dann kam ein Fotovertrag. Frech ist noch nett formuliert. Die Art von Vertrag, bei der man beim Lesen zweimal nachschauen muss, ob das ernst gemeint ist. Ich habe darüber schon an anderer Stelle geschrieben, deswegen halte ich es hier kurz: Es ging um Rechte, die ich abtreten sollte, für Gegenleistungen, die keine waren. Und plötzlich stand da nicht mehr der Gitarrengott, der mich als Teenager sprachlos gemacht hat. Da stand ein Geschäftsmodell mit Signature-Gitarre.
Das Verhältnis ist seitdem beschädigt. Nicht zerstört, aber getrübt, und zwar dauerhaft. Ich höre seine bekannteste Ballade immer noch, aber mit einem kleinen Störgeräusch im Hintergrund, das früher nicht da war.
Man sagt das ja gerne, so als moralische Faustregel: Kunst und Künstler sind zwei verschiedene Dinge, man darf das eine lieben, ohne das andere zu mögen. Klingt vernünftig. Funktioniert bei mir trotzdem nicht zuverlässig. Vielleicht, weil ich beide Male selbst dabei war. Kein Skandal, den ich in der Zeitung gelesen habe, sondern ein Moment, den ich live miterlebt habe, mit eigenen Ohren und eigenem Presseausweis. Das lässt sich schwerer wegtheoretisieren als eine abstrakte Kunst-Künstler-Debatte.
Am Ende ist das vielleicht die unbequeme Wahrheit: Ich bilde mir ein, Musik objektiv zu hören. Tue ich aber nicht. Ich höre durch den Filter jedes Interviews, jedes Backstage-Moments, jedes Vertrags, der auf meinem Tisch lag. Die Ohren sind dieselben geblieben. Die Erinnerung hat sich dazwischengeschoben.
Vielleicht ist das der Preis dafür, näher dran zu sein als die meisten Hörer. Man bekommt Zugang zu den Menschen hinter der Musik. Und manchmal wünscht man sich danach, man hätte ihn nie gehabt.
Bis nächsten Freitag (?),
yours Doc Rock

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