Ghost-Konzert, Einlass. Jeder bekommt eine Yondr-Tasche in die Hand gedrückt, Handy rein, versiegelt, fertig. Kein Zugriff mehr, bis du die Halle wieder verlässt. Ich stand da mit meinem Presseausweis und meinem Equipment und dachte kurz: interessant, wie schnell zweitausend Leute plötzlich wieder nach vorne schauen statt aufs Display.
Die Halle atmet wieder
Man merkt es fast sofort. Keine erhobenen Arme mehr, die die Sicht versperren. Keine Menschenmenge, die im Refrain kollektiv das Handy zückt statt mitzusingen. Stattdessen: Leute, die tatsächlich da sind. Reagieren. Schwitzen. Sich die Show ansehen statt sie nachträglich am Handy anzusehen. Ich habe selten ein Publikum erlebt, das so präsent wirkte. Wenn das der Effekt ist, verstehe ich sofort, warum Bands das machen.
Nur ich muss trotzdem liefern
Und dann kommt der Teil, der für mich weniger romantisch ist. Meine Bilder wollen raus, noch während der Show, per Hotspot. Das ist der Job. Bei einem strikten Verbot wie diesem wird genau das zum Problem. Für mich gibt es natürlich Ausnahmen und Akkreditierungsregeln, aber der Grundkonflikt bleibt: das Gerät, das beim Publikum den Erlebnis-Killer darstellt, ist bei mir das Arbeitswerkzeug. Die Halle atmet auf, ich schwitze aus einem anderen Grund.
Der Widerspruch, den keiner ausspricht
Das eigentlich Witzige an der ganzen Debatte: dieselben Bands, die im Saal jedes Handy verbannen, leben außerhalb der Halle von genau dem Material, das Handys produzieren. Fan-Clips, Story-Posts, das kurze verwackelte Video vom Lieblingssong, das am nächsten Tag zwanzigtausend Mal geteilt wird. Kostenlose Promo, geliefert von Leuten, die eigentlich gerade Handyverbot hatten woanders. Man kappt die Quelle im Saal und hofft gleichzeitig, dass draußen weiter genug Material zirkuliert, damit die nächste Tour ausverkauft ist.
Segen und Sackgasse gleichzeitig
Ist das jetzt Nostalgie oder echter Fortschritt? Ich glaube ehrlich gesagt: beides, ohne dass sich das auflöst. Für den einzelnen Abend ist es ein Segen, das merkt man körperlich im Publikum. Für das große Ganze ist es realitätsfremd, weil die komplette Vermarktungsmaschine der Bands auf genau dem Verhalten aufbaut, das im Saal verboten wird. Das Rad lässt sich für zwei Stunden zurückdrehen. Danach dreht es sich weiter, schneller als vorher.
Vielleicht ist die ehrliche Antwort: Genießt die zwei handyfreien Stunden. Postet danach trotzdem euer Konzertfoto. Die Band braucht es, auch wenn sie es euch gerade erst verboten hat.
Bis nächsten Freitag,
yours Doc Rock

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