
Ich lösche nichts. Niemals. E-Mails von 1999 liegen noch in meinem Postfach (Hallo SiD08@aol.com, ich weiß genau, was du damals von mir wolltest…), unscharfe Konzertfotos aus zwei Jahrzehnten schlummern in Lightroom, keine einzige Karte wurde je formatiert, ohne dass ich vorher alles dreifach gesichert hätte. Das ist kein Ordnungssystem. Das ist ein Tick.
Der Grund ist dümmer, als ihr denkt
Die ehrliche Erklärung wäre: Aussortieren kostet Zeit, und die habe ich nicht. Na schon, aber die will ich mir nicht nehmen. Und tief in mir, das gebe ich zu, sitzt noch etwas anderes. Ein kleiner, hartnäckiger Gedanke, der sich nicht wegargumentieren lässt: Irgendwann kommt Kommissar Columbo. Oder DCI Barnaby. Klingelt an der Tür, kneift die Augen zusammen und sagt: „Bei diesem einen Konzert im Jahr 2007 ist ein Mord passiert. Dürfen wir durch Ihre Bilder schauen?“ Und dann, zack, hab ich den Täter aus Versehen abgelichtet. Verwackelt, im Hintergrund, halb von einer Bierflasche verdeckt, aber gerichtsverwertbar.
Das ist nicht nur eine Marotte, das ist eine ganze Weltanschauung. Ich sammle nicht aus Nostalgie. Ich sammle, weil ich glaube, dass jedes Bild irgendwann noch gebraucht werden könnte, und sei es als Alibi-Beweismittel in einem Mordfall, der nie stattfinden wird.
Die Wahrheit ist banaler und trauriger
Realistisch betrachtet wird kein einziges dieser zehntausenden Fotos je wieder angeschaut. Nicht von einem Kommissar, nicht von einer Redaktion, nicht mal von mir. Einige sind unscharf, einige überbelichtet, oder zeigen einen Gitarristen im Moment, bevor irgendetwas Interessantes passiert ist. Sie liegen da wie Grabsteine, an denen niemand mehr vorbeigeht. Ein digitaler Friedhof, den ich selbst angelegt habe, akribisch gepflegt, aber nie besucht.
Und das ist der Teil, der wehtut, wenn ich ehrlich bin. Es geht gar nicht um Beweise oder Alibis. Es geht darum, dass ich mich nicht entscheiden kann, was wertlos ist. Jedes Bild wegzuwerfen würde bedeuten, ein Urteil zu fällen: Das hier war es nicht wert, aufgehoben zu werden. Und dieses Urteil traue ich mir offenbar seit 1999 nicht zu, weder bei E-Mails noch bei Fotos. Ich bin ein Digi-Messi…
Wenn ich ehrlich antworten müsste, wofür ich diese Berge an Material aufbewahre, wäre die ehrlichste Antwort: für einen Moment, der nie kommen wird. Für die Bestätigung, dass nichts, was ich je fotografiert habe, umsonst war. Für die Illusion, dass Archivieren dasselbe ist wie Bedeutung schaffen.
Colombo klingelt nicht. Barnaby auch nicht. Die Bilder bleiben, wo sie sind, auf einer Festplatte, die irgendwann jemand entsorgen wird, ohne sie je geöffnet zu haben. Vielleicht ist das der eigentliche Frieden, den so ein Friedhof bietet: Man muss nichts beerdigen, solange man sich einredet, dass der Fall noch offen ist.


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