
Neulich lag wieder so ein Vertrag im Postfach. Formuliert im schönsten Behörden-Deutsch, mit Absätzen, die man dreimal lesen muss, um zu merken, was sie eigentlich wollen. Aber im Kern steht da nur ein Satz: Ich soll sämtliche Rechte an meinen Fotos an die Band abtreten. Nicht lizenzieren, nicht zur einmaligen Nutzung freigeben, nicht mal „exklusiv für sechs Monate“ – abtreten. Vollständig. Für drei Songs, kein Blitz, meine eigene Ausrüstung, meinen eigenen Rücken, mein eigenes Auge, das über Jahrzehnte gelernt hat, den einen Moment aus zwanzig ziemlich gleichen Momenten rauszupicken.
Diesmal hab ich abgelehnt. Nicht wütend, nicht mit großer Geste, einfach eine Mail: so nicht. Und dann passierte das, was eigentlich viel öfter passieren sollte – der Veranstalter bekam kalte Füße und ich konnte am Ende jede einzelne Klausel streichen. Kein Triumph, keine Heldengeschichte, nur die nüchterne Erkenntnis, dass diese Verträge oft mehr Behauptung sind als Verhandlungsposition. Man muss nur mal fragen, wie ernst es gemeint ist.
Trotzdem bleibt die Frage hängen, warum ich mir das jedes Mal aufs Neue anhören muss. Warum die Rechteabtretung offenbar die Standardvorlage ist und die Streichung die Ausnahme, für die man sich noch bedanken soll.
Drei Songs, ein Knie
Das Rechte-Ding ist ja nur die Spitze. Darunter liegt der Rest, und der Rest sammelt sich langsam an. Das Knie, das nach dem dritten Foto-Set in der Hocke mehr mitredet als früher. Der Rücken, der die Kameratasche nach dem vierten Konzert der Woche anders wahrnimmt als noch vor zehn Jahren, als man einfach durchgerannt ist und am nächsten Tag nichts gespürt hat. Die Augen, die bei schlechtem Bühnenlicht länger brauchen, um sich einzustellen, während die drei Songs gnadenlos weiterlaufen, ob die Iris nun mitkommt oder nicht.
Und dann die ehrliche Frage, die man sich eigentlich nicht stellen will: Ob die Band da vorne beim vierzigsten Mal wirklich noch was Neues hergibt, oder ob ich nur die immer gleiche Pose in immer gleichem Licht abliefere, weil ich’s kann, weil das Muster sitzt, weil man nach so vielen Jahren im Graben eher Routine als Inspiration mitbringt.
Die drei Songs selbst sind dabei nicht das Problem – kein Blitz ist Handwerk, das lernt man, das gehört dazu, das ist in Ordnung, das war schon immer so. Das eigentliche Problem ist die Uhr, die in diesen drei Songs tickt, kombiniert mit einer Branche, die einem zunehmend das Gefühl gibt, man stünde da unten als Bittsteller und nicht als Gewerk. Als jemand, der froh sein soll, überhaupt zwei Meter vor der Bühne stehen zu dürfen – nicht als jemand, der ein Handwerk mitbringt, das genauso Arbeit und genauso Wert hat wie das der Band selbst. Die Klausel war diesmal verhandelbar. Das Grundgefühl dahinter ist es selten.
Und dann kam Alice Cooper…
Und dann, mitten in dieser ganzen Abrechnung, mitten in diesem inneren Monolog über Verträge und Knie, steh ich im Graben bei Alice Cooper. Neben sechsundzwanzig anderen Fotografen. Siebenundzwanzig Leute insgesamt, die sich in einem viel zu engen Streifen zwischen Bühnenkante und Absperrung drängeln, alle das gleiche Bild jagen, alle den gleichen Winkel wollen, alle genau wissen, dass ihr Foto in dieser Masse am Ende ziemlich austauschbar ist. Wenn’s irgendwo einen Beweis braucht, dass man selbst überflüssig geworden ist, dann steht der Beweis genau da im Graben und drängelt sich mit dem Ellbogen um den besten Platz.
Die Show war trotzdem grandios. Alice Cooper, mit allem, was dazugehört, mit einer Bühnenshow, die auch nach Jahrzehnten noch funktioniert, weil sie nicht auf Überraschung setzt, sondern auf Präzision. Und ich hab in diesem Moment jede Rechte-Klausel, jedes schmerzende Knie und jeden der sechsundzwanzig Kollegen neben mir komplett vergessen. Da war nur noch die Bühne und die drei Songs, die viel zu schnell vorbei waren.
Vermutlich ist das die eigentliche Antwort auf die Ausgangsfrage: Man hört nicht auf, wenn man vernünftig wird. Vernunft hätte mich vermutlich schon nach dem zehnten Vertrag mit Rechteabtretung aufhören lassen, oder spätestens nach dem Knie. Man hört auf, wenn einem die Band, der Vertrag oder das eigene Knie irgendwann keine Wahl mehr lassen – wenn die Entscheidung nicht mehr freiwillig getroffen wird, sondern von außen kommt.
Bis dahin unterschreibt man eben nicht, wehrt sich, wenn’s sein muss, kniet weiter in Gräben, die eigentlich zu voll sind für noch einen Fotografen, und lässt sich von drei Songs Alice Cooper wieder komplett einfangen, obwohl man’s eigentlich besser wüsste. Aufhören ist die vernünftige Option. Ich hab mich noch nie für die vernünftige Option entschieden, wenn die unvernünftige besser roch nach Bühnennebel – und manchmal, selten genug, gewinnt man dabei sogar die Klausel-Schlacht nebenbei
Bis nächsten Freitag (?),
yours Doc Rock

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