Wenn man über modernen Blues spricht, kommt man an Gary Moore kaum vorbei. Und das liegt nicht daran, dass er einfach „noch ein guter Gitarrist“ war, sondern daran, dass er etwas geschafft hat, was im Blues selten passiert: Er hat das Genre erweitert, ohne es zu verraten.

Moore kam nicht aus dem klassischen Blues-Kosmos. Seine Wurzeln lagen im Hard Rock und im Jazz-Rock, etwa bei Thin Lizzy oder im Solo-Kontext der 80er. Genau diese Herkunft war entscheidend. Als er mit Still Got the Blues Anfang der 90er ernsthaft in den Blues einstieg, brachte er eine Klangsprache mit, die deutlich aggressiver, sustain-reicher und emotional direkter war als das, was man bis dahin aus dem traditionellen Blues kannte. Sein Ton war kein „Vintage-Abziehbild“, sondern eine Art emotionaler Overkill – kontrolliert, aber nie geschniegelt. Was Moore dem Blues tatsächlich hinzugefügt hat, sind vor allem drei Dinge:
Dynamik als dramaturgisches Mittel. Seine Soli erzählen Geschichten, nicht nur Phrasen. Er baut Spannungsbögen auf, die eher an Rock- oder sogar klassische Musik erinnern als an die oft zyklischen Strukturen des Blues.
Tonästhetik. Sein Sound ist dichter, sustain-lastiger, fast schon orchestral. Das berühmte lange, singende Vibrato ist kein Selbstzweck, sondern Teil einer emotionalen Überhöhung, die den Blues aus der Kneipe auf die große Bühne hebt.
Hybridisierung. Moore hat Blues nie puristisch gedacht. Er hat ihn mit Rock, Fusion und sogar Pop-Elementen angereichert, ohne dass es beliebig wurde. Das Ergebnis: ein moderner Blues, der größer klingt, ohne seine Seele zu verlieren.
Joe Bonamassa: Perfektion ohne Reibung
Und genau hier beginnt das Problem mit Joe Bonamassa. Bonamassa ist technisch hervorragend. Das ist unstrittig. Er kennt das Vokabular, spielt sauber, schnell und mit einem beeindruckenden Arsenal an Vintage-Gear. Aber genau das ist der Punkt: Er reproduziert. Moore transformierte. Bonamassas Ansatz wirkt oft wie ein kuratiertes Museum. Alles ist da: der Ton, die Licks, die Referenzen. Aber selten entsteht daraus etwas Eigenständiges. Wo Moore Spannung erzeugt, liefert Bonamassa oft korrekt ausgeführte Versatzstücke. Wo Moore Risiko eingeht – auch mal überzieht, schreit, reißt –, bleibt Bonamassa kontrolliert. Zu kontrolliert.
Das führt zu einer gewissen Austauschbarkeit. Viele seiner Stücke funktionieren handwerklich, aber ihnen fehlt das narrative Moment, dieses Gefühl von „da passiert gerade etwas Einmaliges“. Moore konnte in einem einzigen Ton mehr Dramatik erzeugen als andere in einem kompletten Solo. Bonamassa spielt oft viele richtige Töne – aber selten den einen zwingenden.
Fazit: Innovation vs. Konservierung
Man kann es auch so formulieren: Gary Moore hat den Blues emotional aufgerissen und neu zusammengesetzt. Joe Bonamassa konserviert ihn – auf hohem Niveau, aber ohne echte Reibung. Das ist kein Verriss. Bonamassa erfüllt eine wichtige Rolle als Bewahrer und Popularisierer. Und er würde ziemlich sicher zugeben, dass ohne Gary der Blues ein anderer wäre.
Aber wenn es um künstlerische Relevanz und echte Weiterentwicklung geht, dann steht Moore in einer anderen Liga. Nicht, weil er „besser“ im technischen Sinne war, sondern weil er bereit war, den Blues zu verändern – und damit lebendig zu halten.
