
Es gibt (Hör-) Bücher, bei denen man das Gefühl hat, man sitzt mit einem leicht überdrehten Bekannten an der Hotelbar, während der dir mit funkelnden Augen Anekdoten um die Ohren haut. „Udo Fröhliche“ ist genau das.
Benjamin von Stuckrad-Barre macht hier genau das, was er am besten kann: Er schreibt nicht über jemanden, er schreibt sich an ihn ran. Und das funktioniert bei Udo Lindenberg natürlich besonders gut, weil dessen Leben ohnehin eher wie ein gut kuratierter Mythos wirkt als wie eine klassische Biografie. Das Konzept ist schnell erklärt: kein linearer Lebenslauf, kein staubiges Kapiteldenken. Stattdessen ein Alphabet des Udo-Universums. Alkohol, Hut, Hotel, Fernweh – jedes Stichwort ein Einstieg in kleine Episoden, Beobachtungen, Erinnerungen. Das wirkt erstmal wie literarisches Zappen, hat aber System.
Stuckrad-Barre schreibt so, wie andere Leute reden würden, wenn sie drei Espresso zu viel hatten und plötzlich brillant werden. Schnodderig, ja. Aber es sitzt auch jeder Satz, auch wenn er so tut, als wäre der gerade zufällig entstanden.
Nicht nüchtern, um Gottes Willen!
Eer eine nüchterne, analytische Biografie erwartet, wird hier ungefähr so glücklich wie ein Jazzfan bei Helene. Das ist kein distanziertes Porträt, das ist Nähe. Teilweise fast schon Komplizenschaft. Stuckrad-Barre ist nicht nur Chronist, er ist Fan. Und er versteckt das nicht mal ansatzweise. Gut so!
Im Hörbuch verstärkt sich dieser Effekt nochmal. Seine Art zu sprechen – dieses leicht Genuschelte, leicht Drüberliegende – kann man anstrengend finden. Aber genau dieser Ton passt erstaunlich gut zu Lindenberg (Udo nuschelt ja ebenfalls eher als er spricht). Das wirkt weniger wie eine Lesung, mehr wie ein langes, leicht verpeiltes Gespräch zwischen zwei Leuten, die sich verstehen, ohne viel erklären zu müssen.
Inhaltlich bekommt man dabei ziemlich viel serviert: Aufstieg, Absturz, Wiederauferstehung – die klassische Rock’n’Roll-Dramaturgie, einmal durchdekliniert. Aber eben nicht als Pathos-Kitsch, sondern als Sammlung von Momenten. Kleine Szenen statt großer Gesten. Und genau dadurch wird klar, warum Lindenberg mehr ist als nur ein Musiker. Der Mann hat Sprache geprägt, Haltung geprägt – und nebenbei eine ganze Republik ein bisschen lockerer gemacht.
Das Buch ist am Ende weniger Biografie als ein Stimmungsbild. Ein ziemlich unterhaltsames noch dazu. Man lernt Udo nicht neu kennen, aber man versteht besser, warum er so funktioniert, wie er funktioniert. Darauf einen Eierlikör..
HÖRPROBE
Über den Autor:
Benjamin von Stuckrad-Barre, Jahrgang 1975 aus Bremen, hat sich über die Jahre eine ziemlich beachtliche Bibliografie zusammengeschrieben: angefangen bei „Soloalbum“ (1998), gefolgt von „Livealbum“ (1999) und „Remix“ (1999), über Titel wie „Blackbox“ (2000), „Transkript“ (2001) und „Deutsches Theater“ (2001). Später kamen unter anderem „Festwertspeicher der Kontrollgesellschaft – Remix 2“ (2004), „Was.Wir.Wissen“ (2005) und „Auch Deutsche unter den Opfern“ (2010) dazu. Mit „Panikherz“ (2016) landete er einen viel beachteten Erfolg, im selben Jahr erschienen außerdem „Nüchtern am Weltnichtrauchertag“ sowie „Udo Fröhliche“. Es folgten „Ich glaub, mir geht’s nicht so gut, ich muss mich mal hinlegen – Remix 3“ (2018) und zuletzt „Alle sind so ernst geworden“ (2020), gemeinsam mit Martin Suter.
