
Huch, 1. Mai. Und Ihr arbeitet nicht? Was sagt wohl Papa Fritze dazu… Faules Pack, so wird das nix mit dem Wirtschaftswunder. Immerhin: ich bin am Start und habe heute ein besonderes Tier auf dem Seziertisch. Den Konzertnerd.
Es gibt diesen Moment auf jedem Konzert, da merkst du: Du bist hier nicht unter Menschen. Du bist unter Experten. Nicht Fans. Experten. Die erkennst du nicht sofort. Die stehen nicht vorne mit Kutte und Bier. Die stehen irgendwo seitlich, leicht nach vorne gebeugt, als würden sie gleich eine Präsentation halten. Und dann geht’s los.
„Das ist übrigens nicht die Original-Bridge-Version von ’87, die spielen sie seit der Japan-Tour 1993 anders.“ Danke, Karl. Ich wollte eigentlich nur ein Bier trinken und so tun, als könnte ich den Refrain mitsingen. Konzertbesucher sind ein ganz eigenes Volk. Auf der einen Seite Leute, die einfach Spaß haben wollen. Auf der anderen Seite wandelnde Wikipedia-Artikel mit Setlist-Gedächtnis bis zurück ins Jahr, als der Gitarrist noch Haare hatte.
Und das Krasse: Die haben oft recht. Du stehst da, denkst „geiler Song“, und neben dir wird gerade eine Analyse gefahren, die klingt wie ein Gutachten: „Der Bass ist heute minimal lauter gemischt als 2011 in Köln.“ Diese Nerdiness ist aber nicht nervig. Nicht immer jedenfalls. Sie ist… beeindruckend. Und ein wenig beängstigend.
Und wer kennt sie nicht, die Musikerpolizei? Geht mal zu ner Steve Vai-Show. Im Publikum liegt die Gitarristenrate bei locker 90 Prozent. „Lydisch oder phrygisch? Welche Skala spielt er denn da gerade?“
Ohne Nerds wäre es auch langweilig
Da diskutieren zwei Typen darüber, ob der Gitarrensound eher „britisch warm“ oder „amerikanisch trocken“ ist, während die Band auf der Bühne einfach nur alles abreißt. Du merkst: Für die ist das kein Konzert. Das ist Feldforschung. Und dann gibt es noch die Setlist-Jäger. Die stehen da, Arme verschränkt, und warten. Nicht auf den nächsten Song – auf den richtigen Song. Wenn der kommt: Ekstase. Wenn nicht: leise Enttäuschung, als hätte jemand den falschen Tatort eingeschaltet. „Schade, dass sie ‚Deep Cut XY‘ nicht gespielt haben.“ Ja. Schade. Die anderen 18 Songs waren natürlich kompletter Müll. Es gibt auch die Setlist.fm-Jäger. Beim Ärzte-Konzert stand neben mir einer, der live die gespielten Songs ins Netz gehackt hat.
Und trotzdem: Ohne diese Nerds wäre es langweilig. Die sorgen dafür, dass du plötzlich Dinge hörst, die dir sonst nie aufgefallen wären. Dass du nach dem Konzert denkst: „Moment… war das Solo wirklich anders?“ – und zack, bist du selbst ein bisschen infiziert. Herzlichen Glückwunsch. Du bist jetzt einer von ihnen.
Denn am Ende sind wir alle Nerds. Die einen geben es zu. Die anderen tun so, als wären sie nur wegen des Biers da. Und stehen dann doch da, nicken wissend beim dritten Akkordwechsel und denken: „Ja, genau so muss das.“
Bis nächsten Freitag!
yours Doc Rock
