
Der Graben ist halb leer. Ein Fotograf steht einsam da, wo sonst 15 stehen würden. Security wirkt entspannt, fast gelangweilt. Auf dem Zettel am Eingang steht: „No photography. House photographer only.“ Skandal?
Mal so, mal so… Rein technisch ist das schnell erklärt. Bildrechte, Markenpflege, Kontrolle. Wer die Bilder kontrolliert, kontrolliert die Außenwirkung. Ein sauber kuratierter Instagram-Feed schlägt zehn unterschiedliche Blickwinkel, die nicht ins Konzept passen. Dazu kommt die übliche Angst vor unvorteilhaften Momenten: Grimassen, Schweiß, die eine falsche Lichtsekunde. Künstler wie Eric Clapton sind da nur die prominenteste Ausprägung eines Prinzips, das sich längst durch alle Größenordnungen zieht. Der eigene Fotograf liefert konsistente Ware. Farblook, Perspektive, Timing – alles planbar. Genau da liegt das Problem.
Fotografie im Graben war nie nur Dienstleistung. Es ist auch Dokumentation. Unterschiedliche Augen sehen unterschiedliche Dinge. Der eine erwischt den Moment zwischen zwei Tönen, der andere die Kommunikation mit der ersten Reihe. Wenn alles durch einen einzigen Filter läuft, bekommt man am Ende Hochglanz – und verliert das Ungeplante. Das, was eine Show lebendig macht. Es ist ein bisschen wie Live-Musik ohne Nebengeräusche: sauber, aber steril.
Ich verstehe den Impuls zur Kontrolle. Wirklich. Niemand hat Lust, am nächsten Morgen ein Foto zu sehen, auf dem er aussieht wie nach drei Tagen ohne Schlaf und mit falschem Licht von oben. Aber die Alternative, die ich zu oft erlebe, ist die schlechteste von beiden Welten: Man lässt Fotografen rein, stellt sie dann irgendwo hin, wo nichts passiert, und wundert sich über belanglose Bilder. Seitlich hinter der PA, Licht von hinten, kein Kontakt zur Bühne. Drei Songs, die keiner braucht. Das ist kein Schutz der Marke, das ist Beschäftigungstherapie.
Dann lieber die klare Ansage vorab. Kein Foto? Kein Foto. Eigener Fotograf? In Ordnung. Dann weiß jeder, woran er ist, und kann seine Zeit sinnvoller einsetzen. Ich muss nicht um einen Spot kämpfen, der keiner ist. Die Redaktion bekommt keine mittelmäßigen Serien, die keiner veröffentlichen will. Und die Band bekommt genau die Bilder, die sie haben möchte. Das ist effizient. Es ist sogar fair.
Halbherziges Versteckspiel
Was mich stört, ist das Versteckspiel. Diese halbherzigen Lösungen, bei denen man offiziell darf, praktisch aber nicht soll. Ich erinnere mich an einen Abend, an dem wir zu fünft in eine Ecke gedrängt wurden, in der selbst der Bühnenrand unsichtbar war. Der hauseigene Fotograf lief derweil frei vor der Bühne entlang, wechselte Linsen, Perspektiven, Positionen. Seine Bilder waren gut. Unsere waren korrekt belichtet und ansonsten überflüssig. Am Ende haben wir alle die gleichen drei Aufnahmen gelöscht.
Es gibt auch genügend Gegenbeispiele – zum Glück! Bands, die sagen: „Drei Songs, vorne, macht euer Ding.“ Das Risiko nehmen sie in Kauf. Dafür bekommen sie Vielfalt zurück. Manchmal ist ein Bild dabei, das sie selbst nie so gesehen hätten. Das passiert nicht oft, aber oft genug, um es nicht komplett abzuschaffen. Am Ende ist es eine Frage der Entscheidung, nicht der Ausrede. Kontrolle oder Vielfalt – beides hat Konsequenzen. Was nicht funktioniert, ist so zu tun, als hätte man beides.
Und im Graben merkt man ziemlich schnell, was davon gerade gespielt wird.
Bis nächsten Freitag! yours Doc Rock
