Es gibt Gitarrenpedale, die einfach gut klingen. Und es gibt den Klon Centaur, der zu etwas geworden ist, das mit „gut klingen“ nur noch am Rande zu tun hat. Ein Overdrive-Pedal, benannt nach dem Zentauren aus der griechischen Mythologie, hat es geschafft, selbst zu einer Art Mythos zu werden – inklusive Wallfahrten auf Gitarrenforen, fünfstelligen Preisen und einem Erfinder, der öffentlich beteuert, den ganzen Hype nie gewollt zu haben.

Ein frustrierter Bostoner Gitarrist
Angefangen hat alles mit einem frustrierten Bostoner Gitarristen. Bill Finnegan spielte in den späten Achtzigern seine Telecaster durch einen Fender Twin Reverb und liebte den Sound, den der Amp bei hoher Lautstärke produzierte – nur ließen ihn die Soundtechniker in kleinen Clubs eben nicht so laut spielen, wie er wollte. Bei kleineren Venues konnte er den Amp nicht laut genug aufdrehen, um jene süße, natürliche Röhrensättigung zu erreichen, ohne dem Publikum die Ohren wegzublasen. Der naheliegende Ausweg, ein Tube Screamer, überzeugte ihn nicht: Das Pedal komprimierte seine Anschlagsdynamik, würgte die Bässe ab und drückte seinem Ton einen unnatürlichen Mittenhöcker auf. Also machte er sich mit einem MIT-Absolventen als Mitstreiter selbst an die Arbeit, ein Entwicklungsprozess, der über viereinhalb Jahre dauern sollte.
Geheimnis, Handarbeit, Verknappung
Ende 1994 war der Klon Centaur fertig, für 225 bis 329 Dollar zu haben, von Finnegan höchstpersönlich in seinem Zuhause gebaut, getestet und verschickt. Und schon hier beginnt das eigentlich Interessante: Der Mythos entstand nicht durch Marketing, sondern durch Mangel. Finnegan konnte die Nachfrage nie bedienen, verdiente an jedem Pedal kaum etwas, während gebrauchte Einheiten längst zu hohen Preisen gehandelt wurden. Um sein Design vor Nachbauten zu schützen, goss er die Platinen in schwarzes Epoxidharz ein, das berühmte „Goop“, das die Schaltung über ein Jahrzehnt lang zum Staatsgeheimnis machte, bis findige Bastler sie 2008 doch entschlüsselten.
Genau diese Kombination, Geheimnis, Handarbeit, künstliche Verknappung, prominente Nutzer wie Jeff Beck oder John Mayer, ist der Nährboden, auf dem jeder Mythos gedeiht. Es ist die gleiche Mechanik wie bei limitierten Sneakern oder Vinyl-Erstpressungen: Der Gegenstand selbst wird zur Nebensache, das Wissen, ihn zu besitzen, zur Hauptsache. Heute werden Original-Centaurs für 5.000 bis über 20.000 Dollar gehandelt, bei aktuell 32 gelisteten Exemplaren auf Reverb.com zu Preisen zwischen 5.000 und 10.000 Dollar.
Der Erfinder, der seinen eigenen Mythos relativiert
Das eigentlich Absurde daran: Selbst Finnegan hält den Hype für überzogen. Auf der Rückseite seiner 2014 veröffentlichten, günstigeren Neuauflage KTR ließ er drucken, dass der lächerliche Hype, der so viele störe, nicht seine Schuld sei. Ein Erfinder, der sein eigenes Werk öffentlich relativiert, während der Markt es trotzdem vergöttert, das ist selten und sagt mehr über Gitarristen als über das Pedal.
Denn objektiv betrachtet ist die Sache längst geklärt. Als die Schaltpläne 2008 online auftauchten, bestätigte sich zwar, dass es sich um ein völlig eigenständiges Design handelte, aber eben auch eines, das sich reproduzieren lässt. Es gibt inzwischen ein ganzes Ökosystem an „Klones“, von 70-Dollar-Massenware bis zu handgebauten Boutique-Nachbauten wie dem J. Rockett Archer, den selbst Jeff Beck seinem eigenen Original vorzog. Wer heute wissen will, wie ein Klon klingt, muss kein Vermögen ausgeben. Wer aber einen Klon besitzen will, kauft nicht mehr in erster Linie einen Klang, sondern eine Geschichte.

Der Witz an der Sache
Und vielleicht ist genau das der eigentliche Witz. Ein Pedal, das explizit dafür entwickelt wurde, möglichst unauffällig, möglichst „transparent“ zu klingen, ist zum lautesten Statussymbol der Boutique-Pedal-Welt geworden. Der Zentaur aus der Mythologie war halb Mensch, halb Pferd, eine Kreatur, die nicht so ganz das war, wofür man sie auf den ersten Blick hielt. Beim Pedal ist es ähnlich: Man kauft ein Stück Elektronik und bekommt eine Legende dazu, ob man will oder nicht. Selbst Bill Finnegan, der Mann, der das Ding gebaut hat, wirkt manchmal wie ein Zuschauer seines eigenen Mythos, zuletzt musste er sogar juristisch gegen Behringer vorgehen, weil die Firma unter dem Namen „Centaur“ eine eigene Version seines Erbes verkaufte.
Am Ende bleibt die Frage, die sich bei jedem Kultobjekt stellt: Kauft man den Sound, oder die Erzählung, die drumherum gewachsen ist? Beim Klon Centaur lautet die ehrliche Antwort: ziemlich sicher beides. Nur eben nicht im gleichen Verhältnis, wie einem der Preis auf Reverb weismachen will.

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