
Ich besitze Vinyl. Ich mag Vinyl. Das Ritual – Platte rausnehmen, auf den Teller legen, Nadel aufsetzen, Seite A, Pause, Seite B – hat etwas, das kein anderes Format hat. Es zwingt zur Aufmerksamkeit. Man kann nicht nebenbei Vinyl hören. Man hört Vinyl.
Meistens streame ich trotzdem. Mal aus Bequemlichkeit, mal aus Gleichgültigkeit und weil der Alltag kein Ritual ist. Weil man nicht jedes Mal zwanzig Minuten einplanen kann, um in Ruhe eine Platte zu hören. Also läuft der eigene Server, die digitale Bibliothek, alles da, alles sofort. Vinyl bleibt für die Momente, in denen man sich bewusst entscheidet, Zeit zu haben. Das sind weniger Momente, als man zugeben möchte.
Wer vermisst die CD? Spoiler: Niemand!
Die CD hingegen vermisse ich nicht. Niemand vermisst sie. Kein bisschen. Booklets zu klein zum Lesen, zu groß zum Wegwerfen. Das Format hatte keinen Charme und kein Ritual. Es war praktisch, bis es praktischere Alternativen gab. Tschüss.
Streaming hat gewonnen. Das ist keine Meinung, das ist ein Ergebnis. Alles ist überall sofort verfügbar, die Bibliothek der Menschheit in der Hosentasche, kein Rauschen, kein Bandsalat, kein Kratzer. Und trotzdem fehlt etwas.
Playlists sind Logistik. Man schmeißt Songs rein, sortiert um, streicht raus. Das geht schnell, kostet nichts, hinterlässt nichts. Eine Playlist sagt ungefähr so viel über ihren Ersteller wie eine Einkaufsliste. Sie funktioniert. Sie bedeutet nichts.
Verführungstechnik mit Dolby B
Ich habe Mixtapes gemacht. Für Freunde, für mich selbst, für Verehrte. Und ich sage das mit der nüchternen Sachlichkeit eines Menschen, der die Datenlage kennt: Mixtapes für Verehrte haben fast immer geklappt. Das ist kein Zufall.
Ein Mixtape kostet etwas. Zeit, Überlegung, Hingebung, Haltung. Man sitzt vor dem Tapedeck und entscheidet: Welcher Song kommt nach welchem? Passt das auf die Seite? Ist der Übergang zu direkt, zu offensichtlich, zu wenig? Man orchestriert. Man kuratiert nicht für einen Algorithmus, sondern für einen Menschen. Und dieser Mensch weiß das.

Die Handschrift auf dem Inlay. Der Songtitel, den man mit Kugelschreiber einträgt, weil der Filzstift zu breit ist. Die B-Seite, die man drei Mal neu aufnimmt, weil der letzte Song eine halbe Minute zu lang ist. Das alles steckt in der Kassette, bevor sie jemand anderes in die Hand nimmt. Selbst mit der ungeliebten CD (dann selbst gebrannt) hat das Charme gehabt. Eine Playlist hingegen schickt man mit einem Klick. Sie kostet nichts. Sie sagt nichts.
Vinyl läuft noch. Streaming läuft immer. Die CD läuft nicht mehr, und das ist in Ordnung. Aber das Mixtape – die echte Kunstform unter den Formaten, das einzige Medium, das gleichzeitig Musik war und Brief und Haltung und Geständnis – das gibt es nicht mehr. Playlists sind nicht dasselbe. Wer das behauptet, hat noch nie drei Stunden damit verbracht, die perfekte B-Seite zu orchestrieren. Manchmal war früher doch manches besser…
Bis nächsten Freitag,
yours Doc Rock

Shutterhead