
Letzte Woche stand ich am Bahnhofskiosk, und es gibt sie tatsächlich noch: zwei, drei Musikmagazine, eingezwängt zwischen Wohnmobil-Illustrierten und einem Sonderheft über Kreuzworträtsel für Senioren. Aber sie wirken inzwischen wie die letzten Überlebenden auf einem sinkenden Schiff, die sich gegenseitig zunicken, ohne es auszusprechen. Ich habe eines gekauft, Blasmusik aus Bayern oder so ähnlich. Aus Solidarität, glaube ich. Und ein bisschen aus Trotz.
Dieses Bild – das geschrumpfte Regal, in dem noch ein paar Titel tapfer die Fahne hochhalten, während um sie herum längst Platz für Angelzeitschriften gemacht wurde – ist im Grunde die Kolumne in komprimierter Form. Print-Musikmagazine sterben nicht alle gleichzeitig. Sie sterben einzeln, nacheinander, und jedes Mal denken wir: na, wenigstens die anderen gibt’s ja noch. Bis irgendwann nicht mehr.
Zwischen Heftklammer und Herzschlag
Was an Print verloren geht, ist nicht einfach „Papier statt Pixel“. Es ist eine ganz bestimmte Form von Verbindlichkeit. Ein Heft, das man kauft, nimmt man mit. Man liest die Review zur neuen Platte nicht zwischen zwei Tab-Wechseln, sondern in der Bahn, im Wartezimmer, auf dem Sofa – mit der Zeit, die das Format einfordert, weil es eben nicht endlos scrollt, sondern irgendwann zu Ende ist. Diese erzwungene Langsamkeit hat Texte ermöglicht, die heute kaum noch jemand schreibt, weil kaum noch jemand sie lesen würde: lange Porträts, Reportagen, Fotostrecken, bei denen ein Bild eine ganze Seite bekommt und nicht in einem Karussell neben zwölf anderen verschwindet.
Viele Magazine haben ihre Print-Ausgabe schon vor einigen Jahren eingestellt. Oft geht mit dem Einstellen der gedruckten Ausgabe wenig später auch der Tod des Digitalproduktes einher. Das ist tragisch. Eine Redaktion, die sich streitet, die Geschmack hat, der einem manchmal komplett gegen den Strich geht – unschlagbar. Algorithmen streiten sich nicht mit einem. Sie nicken nur freundlich und empfehlen die nächste Playlist.
Wirtschaftlich ist die Geschichte schnell erzählt, auch wenn sie schmerzt: Anzeigenkunden sind ins Digitale abgewandert, weil sich dort jeder Klick zählen lässt. Print kann das nicht – und genau diese Unmessbarkeit war früher kein Makel, sondern fast ein Qualitätsmerkmal. Heute ist sie ein Todesurteil. Wenn ein Label entscheiden muss, ob es für eine Kampagne lieber eine Anzeige in einem Heft schaltet, das 20.000 Menschen vielleicht in die Hand nehmen, oder einen Algorithmus füttert, der angeblich 200.000 „Impressions“ garantiert – dann ist die Entscheidung gefallen, bevor die Frage überhaupt zu Ende gedacht ist.Aber – und das gehört genauso in diese Kolumne – die Magazine selbst haben nicht eben tapfer gegengehalten. Viele haben sich jahrelang an Anzeigenkunden geklammert, die längst nicht mehr glaubten. Heftseiten, die aussahen wie Heftseiten, aber eigentlich verkleidete Werbung für das neue Album waren, „Advertorial“ klein gedruckt in der Ecke. Wer einmal merkt, dass die positive Rezension auf Seite 34 vielleicht auch was mit der Anzeige auf Seite 35 zu tun hat, kauft das Heft kein zweites Mal – und hat auch noch recht damit.
Dazu kam die große Verspätung. Während Blogs und später Streaming-Plattformen längst in Echtzeit über neue Alben sprachen, brauchte ein Magazin mit monatlichem Erscheinungstermin manchmal sechs Wochen, um überhaupt zu reagieren. Aktualität war nie die Stärke von Print, das war immer klar – aber viele Redaktionen haben diese Schwäche jahrelang ignoriert, statt sie in eine Stärke umzudeuten. Statt auf Tiefe, Einordnung, große Reportagen zu setzen – also auf das, was Print kann und ein Feed nicht – haben viele versucht, irgendwie aktuell zu wirken. Kurze News-Häppchen im Heft, die beim Erscheinen schon olle Kamellen waren. Das Schlechteste aus beiden Welten.
Hinzu kommt eine Art Zielgruppen-Sturheit, die man fast liebevoll nennen könnte, wenn sie nicht so teuer wäre. Themenwahl, Tonfall, sogar die Cover-Stars – alles blieb über Jahre auf eine Leserschaft ausgerichtet, die selbst älter wurde, ohne dass jüngeres Publikum nachrückte. Man redete weiterhin mit 50-Jährigen über die Bands, die diese mit 20 gehört hatten. Charmant, nostalgisch – und ein todsicheres Rezept, um genau die 20-Jährigen von heute nie zu erreichen.
Die Bezahlschranken-Falle
Und schließlich die Bezahlschranken-Falle, in die fast jeder irgendwann getappt ist. Entweder zu spät draufgekommen, dass online Geld kosten müsste – oder zu hart zugeschlagen, mit Paywalls, die selbst treue Leser verschreckten. Oder, dritte Variante: alles kostenlos ins Netz gestellt, was das gedruckte Heft erst recht überflüssig machte. Warum für etwas bezahlen, das es eine Woche später umsonst gibt? Die Balance zwischen „online sichtbar bleiben“ und „Print-Abo noch wertvoll halten“ wurde selten gefunden – meistens, weil niemand sie wirklich gesucht hat.
Und jetzt der Teil, der unangenehm wird, weil ich mich da nicht raushalten kann. Ich beklage das Verschwinden von Print – und habe selbst seit Jahren kein Musikmagazin mehr abonniert. Die Promo-Mails, die ich bekomme, sind Streaming-Links, keine Vorab-Pressungen mit Booklet. Diese Kolumne hier, die genau dieses Sterben betrauert, erscheint – online. Ich schreibe die Verteidigungsrede für ein Format mit einem Werkzeug, das es gerade beerdigt.
Das ist keine Ironie, das ist einfach die Wahrheit: Wir alle haben mit unserem Verhalten genau die Bedingungen geschaffen, die wir jetzt beklagen. Jeder ungekaufte Kiosk-Titel, jeder „ich les das eh online“-Moment, jede Rezension, die wir als PDF statt als Heft konsumiert haben – das war kein böser Wille, aber es war Stimmabgabe. Und die Stimmen waren eindeutig.
Schlusswort vom Sterbebett
Ich werde diese Kolumne fertig schreiben, abspeichern, hochladen – und danach wahrscheinlich vergessen, dass ich überhaupt mal ein Heft gekauft habe, das eingeklemmt zwischen Angelzeitschriften ein einsames letztes Zeichen von sich gab. Print-Musikmagazine sterben nicht, weil niemand sie mehr braucht. Sie sterben, weil wir alle dachten, jemand anderes würde sie schon weiterkaufen.
Bis nächsten Freitag,
yours Doc Rock

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