
Iron Maiden live. Ich stehe im Pit, die Lichter gehen an, Eddie taucht irgendwo auf der Bühne auf, und ich weiß genau, warum ich hier bin. Ich mag diese Band. Ich mag diese Musik. Die Produktion ist so durchdacht, dass selbst ein mittelmäßiger Fotograf gute Bilder macht. Ich also sehr gute. Alles stimmt. Der Job macht Spaß und hinterher sitze ich am Rechner und wähle aus zu vielen guten Frames aus. So soll das sein. Das ist NICHT der Normalzustand.
Kiss zb. ist anders. Kiss liebe ich – bis 2001, bis Paul Stanley und Gene Simmons beschlossen, die Originalmitglieder Ace Frehley und Peter Criss durch Ersatzmänner zu ersetzen, die in denselben Masken auftreten. Was danach auf der Bühne stand, war eine Musical-Revue. Zwei echte Kiss, zwei Darsteller. Aber: Das Spektakel war nach wie vor eines der größten, das der Rockzirkus zu bieten hatte. Pyro, Blut, Feuerspucker, schwebende Schlagzeugkits. Ich musste immer wieder hin.
Gefühle vs. Pflichtaufgabe
Man fotografiert nicht die Musik. Man fotografiert das, was auf der Bühne passiert. Und das sind manchmal zwei völlig verschiedene Dinge. Die Gefühle, die ich für die echten Kiss hege, ändern nichts daran, dass vier Männer in Schminke und Plateauschuhen ein visuelles Spektakel abliefern, das jede Kamera glücklich macht. Handwerk interessiert sich nicht für Meinungen.
Dann gibt es A perfect Circle…
Ich sage das ohne Freude: beschissene Bedingungen, Musik, die mich so kalt lässt wie ein Proberaum im Januar, und ein Sänger – Maynard James Keenan – der absichtlich im Dunkeln steht. Mit dem Rücken zum Publikum. Im Halbschatten, den er sich selbst aussucht. Weil es Kunst ist, sein soll…
Ich stehe im Pit, weiß, dass da vorne jemand steht, komme aber nicht an ihn heran. Nicht weil das Licht schlecht wäre – obwohl es das auch ist – sondern weil er das so will. Das ist eine Entscheidung. Eine künstlerische. Vielleicht. Auf jeden Fall eine eitle. Ich nenne es: einen Fotografen im Dunkeln stehen lassen und Tiefe vortäuschen.
Interessante Sache: Die Fotos waren gerade so okay. Nicht gut. Nicht die, die ich gerne gemacht hätte. Aber ok. Und das liegt daran, dass Licht, Timing und Komposition keine Meinung haben. Die Kamera weiß nicht, dass ich die Band nicht ausstehen kann. Der Auslöser fragt nicht nach meinen Gefühlen. Ich mache den Job, weil ich den Job mache – und irgendwo in diesem Autopiloten steckt eine Art Befreiung.
Bei Iron Maiden bin ich emotional investiert. Ich will das perfekte Bild. Ich zögere, ich überlege, ich verpasse manchmal den Moment, weil ich zu sehr nachdenke.
Bei A Perfect Circle gibt es nichts zu verlieren. Ich bin schneller, kälter, mechanischer. Weniger Erwartung bedeutet weniger Hemmung. Das klingt nach einer Erkenntnis, ist aber eigentlich nur ein Mechanismus zum Überleben langer Drei-Songs-Slots vor Bands (bei den Langweilern durfte man sogar nur zwei Songs), die man nicht einladen würde.
Hinterher sitze ich am Rechner, wähle die A-Perfect-Circle-Bilder aus und denke: Diese Leute haben mir nichts gegeben, und ich habe trotzdem geliefert. Das Ergebnis ist technisch verwertbar. Druckbar. Veröffentlichbar. Und ich hasse sie danach noch ein bisschen mehr.
Bis nächsten Freitag,
yours Doc Rock

Shutterhead