
Ausverkauft. Das ist bei Kanonenfieber inzwischen keine Randnotiz mehr, sondern eher der Normalzustand. Auch das Carlswerk Victoria in Köln füllt die Band bis auf den letzten Platz und stellt ihre aktuelle Compilation „Soldatenschicksale“ vor. Im Publikum ist inzwischen schon eine Menge Folklore auszumachen. Die Fans in Soldatenoutfits werden auf jeder Show spürbar mehr.
Den Auftakt machen Mental CrueltY aus Karlsruhe. Deathcore mit chirurgischer Präzision und dem Sound eines Presslufthammers wird hier geboten. Schade, dass man die Band quasi gar nicht sieht bei der abscheulichen Lichtshow. Aber soll wohl so…
Optisch also mau, technisch dafür absolut auf der Höhe, Breakdowns wie Abrisskanten, mit Lukas Nicolai ein charismatischer Frontmann, den man irgendwo zwischen Kapuze und dichtem Nebel erspähen kann. So brutal das alles ist – es bleibt ein wenig eindimensional. Aber als Opener funktioniert das gut. Einmal durchschütteln, damit später nichts mehr locker sitzt.
Kanonenfieber betreten nicht einfach die Bühne – sie inszenieren sie. Das Konzept ist bekannt: Erster Weltkrieg, Leid, Dreck, Tod, keine Gesichter. Aber live bekommt das Ganze eine andere Wucht. Plötzlich ist das keine ästhetische Spielerei mehr, sondern ein vertonter Schlag in die Magengrube. Leider ist der Sound an diesem Abend einmal mehr ein Ärgernis. Gerade bei einer Band, die so viel mit Atmosphäre arbeitet, ist das ärgerlich.
Unangenehm geiler Abend
Die große Stärke des Abends liegt umso mehr dann in der Dramaturgie. Kanonenfieber spielen nicht einfach Songs runter. Das ist eher wie ein Kapitel-für-Kapitel-Abstieg. Zwischen den Stücken immer wieder kurze Momente, in denen sich die Spannung neu auflädt. Kein unnötiges Gelaber, keine Rockstar-Posen – stattdessen diese fast schon klinische Distanz, die das Ganze noch unangenehmer macht.
Und genau da liegt der Unterschied zu vielen anderen Black-/Death-lastigen Acts: Hier geht es nicht um „böse sein“. Hier geht es um Wirkung. Die Anti-Kriegs-Botschaft ist immer spürbar. „Die Feuertaufe“ eröffnet das Spektakel und bereits bei „Dicke Bertha“ ist das Publikum komplett einefangen. Ungefähr in der Mitte des Sets gibt es mit „Z-Vor!“ und „Heizer Tenner“ auch die beiden einzigen neuen Songs der Compilation. Das funktioniert ganz ordentlich, kommt aber nicht an Songs wie „Der Füsilier“ oder später „Der Maulwurf“ ran. Sieht man hier schon eine leichte Songwriting-Ermüdung? Dass man nach gerade einmal zwei Studio-Alben mit einer Compilation kommt, könnte ein weiterer Hinweis darauf sein.
Die Zeit wird es zeigen, live spielt das derzeit aber ohnehin keine Rolle. Denn das, was die anonyme Truppe um „Noise“ Abend für Abend auf die Bretter knallt, ist ein fettes Brett. Es knallt, es pufft, es raucht, es ist brutal, es ist erschütternd.
Dabei ist die Inszenierung mittlerweile sehr klar definiert – Überraschungen sind rar. Wer die Band schon öfter gesehen hat, bekommt eher eine Verfeinerung als eine Neuerfindung. Aber ganz ehrlich: Wenn etwas so gut funktioniert, warum sollte man etwas ändern? Unterm Strich war das kein „geiles Konzert“. Das wäre zu einfach formuliert. Es war intensiv, dicht, teilweise unangenehm – und genau deshalb stark.
Mental Cruelty haben die Schützengräben aufgerissen. Kanonenfieber sie danach gnadenlos zugeschüttet. Mit 1800 Zuschauern drin…
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Alle Fotos: Thorsten Seiffert. No use without permission.
