
Frank Schätzing war schon immer ein Mann für große Themen. Ozeane, Bewusstsein, Klimakatastrophe – er denkt gern im Breitwandformat. Mit Spaceboy taucht er nun ins All der Popkultur ein. Doch statt wissenschaftlicher Tiefenbohrung oder Thriller-Spannung liefert er ein Hörbuch, das zwischen Bewunderung, Selbstreflexion und fast schon spiritueller Verehrung pendelt. Bowie ist dabei weniger Gegenstand als Resonanzraum.
Schätzing erzählt, als würde er in Bowies Kopf wohnen – oder zumindest auf dessen Dachboden proben. Elf Stunden lang mäandert er durch Jahrzehnte, Songs, Persönlichkeitsfacetten. Das Ganze klingt, als hätte er die Biografie nie schreiben, sondern fühlen wollen. Und das funktioniert erstaunlich gut, solange man bereit ist, sich treiben zu lassen.
Er liest selbst – mit dieser unverkennbaren Mischung aus Selbstsicherheit, Charme und leichter Selbstverliebtheit. Mal Dozent, mal Rockpoet, mal Fanboy. Wenn er über Bowies Mut zur Metamorphose spricht, hört man zwischen den Zeilen: Er redet auch über sich. Über das ewige Bedürfnis, sich neu zu erfinden, das Rampenlicht zu halten, bevor es verlischt.
Bowie wird hier nicht museal behandelt, sondern als Lebenskraft – eine Idee, die sich in Schätzings Sprache spiegelt: elegant, rhythmisch, manchmal überbordend. Da wechseln glasklare Beobachtungen mit Passagen, in denen er sich in den eigenen Metaphern verheddert. Trotzdem bleibt das Hörbuch magnetisch, weil es von echter Faszination getragen ist.
Pop-Philosophie und Selbsthilfe
Stilistisch ist Spaceboy ein Mix aus Pop-Philosophie, Selbsthilfe und Musikjournalismus. Das kann mitreißen, aber auch überfordern. Zwischen brillanten Sätzen über Bowies Kunst der Verwandlung verstecken sich Passagen, in denen Schätzing mehr von Schätzing redet, als einem lieb ist. Trotzdem bleibt es spannend, weil er’s kann: Er jongliert mit Sprache, Humor und Nostalgie, und selbst seine Eitelkeit ist irgendwie unterhaltsam.
Wer Fakten sucht, bekommt hier keine. Spaceboy ist kein chronologisches Werk, sondern eine musikalische Meditation. Eine Art Jam-Session aus Gedanken, Erinnerungen und Soundbildern. Zwischen Philosophie und Fanfiction, zwischen Essay und Tagebuch.
Kritisch betrachtet: Schätzing gönnt sich zu viel Bühnenlicht. Manchmal steht Bowie bloß als Folie bereit, während der Autor sein eigenes Ego in Szene setzt. Aber es ist schwer, ihm das übel zu nehmen – weil er’s mit Leidenschaft tut. Und weil man merkt, dass Bowie für ihn mehr war als ein Idol: ein Kompass, ein Spiegel, vielleicht sogar eine Ausrede, um sich selbst zu verstehen.
Wenn er schließlich über Bowies Abschied spricht, über Blackstar und die große Stille danach, kippt die Überinszenierung in ehrliche Melancholie. Da ist kein Pathos mehr, kein Performance-Gefühl – nur Staunen, Verlust, Dankbarkeit.
Für Bowie-Fans ist das Hörbuch kein Lexikon, sondern ein Rausch. Für Schätzing-Fans eine Rückkehr zur Stimme, die sie aus Der Schwarm kennen – nur diesmal weniger Katastrophe, mehr Kosmos.
Ein literarischer Spacewalk durch Schätzings Universum – zu lang, zu selbstverliebt, zu schön, um sich zu entziehen.

STICHWORT: DAVID BOWIE
David Bowie war kein Musiker im herkömmlichen Sinn. Er war ein Konzept, eine Projektion, eine wandelnde Frage: „Wer bin ich heute – und was davon ist echt?“
Geboren 1947 als David Robert Jones in Brixton, wuchs er in einem England auf, das noch grau von Nachkriegsruß war. Er färbte es bunt. Schon früh zog es ihn in Zwischenräume – zwischen Geschlechtern, zwischen Genres, zwischen den Sternen.
Bowie war der erste Popkünstler, der nicht nur mit Musik, sondern mit Identität spielte. Ziggy Stardust, Aladdin Sane, The Thin White Duke – jede Figur war eine Antwort auf eine andere Zeit, und gleichzeitig eine Lüge, die mehr Wahrheit enthielt als jede Beichte. In einer Ära, die nach Authentizität schrie, zeigte Bowie, dass auch Masken ehrlich sein können.

Musikalisch war er ein Chamäleon mit Radar: Er erspürte Trends, bevor sie Namen hatten. Von Glamrock zu Soul, von Elektronik zu Industrial – Bowie erfand sich nicht einfach neu, er antizipierte, wohin die Popwelt als Nächstes stolpern würde. Mit Low und Heroes half er, das Klangbild des modernen Pop zu formen, während andere noch Gitarren stimmten. Seine Kollaborationen mit Brian Eno, Iggy Pop, Nile Rodgers oder Trent Reznor zeigen, dass er nie Angst hatte, sich von anderen verschlucken zu lassen – im Gegenteil: Er fütterte ihre Ideen mit seiner eigenen Vision.
Mehr als Musik
Aber Bowie war mehr als Musik. Er war ein kulturelles Prisma. Mode, Kunst, Film, Sexualität – alles floss durch ihn und kam verändert wieder heraus. Er machte Androgynität zu einer Bühne, bevor man wusste, was das Wort bedeutet. Für viele war er das erste öffentliche Gesicht, das zeigte: Du darfst anders sein, und das ist keine Schwäche, sondern Stil.
Privat blieb er schwer zu greifen, höflich distanziert, fast britisch im besten wie im kältesten Sinn. Doch in seiner Kunst war er immer verletzlich. Seine letzte Platte, Blackstar, erschien zwei Tage vor seinem Tod – ein Abschied in Tönen, die wie Sternenstaub verglühen. Kein Künstler hat sein Ende so kunstvoll in Szene gesetzt.
Bowie war kein Prophet, auch wenn man ihn gern so nennt. Er war ein Spiegel, der immer das zeigte, was wir gerade suchten: den Freak, den Helden, den Alien, den Gentleman.
Er verkörperte das Versprechen, dass Veränderung nicht nur möglich, sondern notwendig ist.
Vielleicht war Bowie am Ende genau das: die menschliche Form von Freiheit.
Ungekürzte Lesung mit Frank Schätzing
11h 7min
Autor: Frank Schätzing
ISBN13 (MP3-Hörbuch-Download): 9783844554960
