
Früher war Freitag ein schöner Tag. Wochenende, Feierabend, vielleicht ein Bier. Seit die Musikindustrie beschlossen hat, jeden Freitag sämtliche Neuveröffentlichungen auf die Menschheit loszulassen, ist Freitag ein Arbeitstag.
Ich öffne Spotify. 47 neue Releases in meiner „New Music Friday“-Playlist. Dazu drei Album-Benachrichtigungen von Bands, denen ich irgendwann mal gefolgt bin. Und im Postfach warten bereits die ersten Promomuster. Vier Stück. Seit Montag. Mit der freundlichen Bitte um eine Besprechung.
Es ist 8 Uhr morgens. Ich hab noch keinen Kaffee.
Das Problem heißt Überfluss
Ich will das klarstellen: Ich möchte über Musik schreiben. Das ist keine Pflicht, das ist Leidenschaft. Ich bekomme Promuster von Plattenfirmen und Promotern, höre rein, und wenn es gut ist, schreibe ich darüber. Klingt nach einem schönen Leben. Ist es auch. Grundsätzlich.
Das Problem ist die Menge. Laut Schätzungen erscheinen über 100.000 Songs pro Tag auf den Streamingplattformen. Pro Tag. Dazu kommen die Muster im Briefkasten, die digitalen Vorabzugänge per Mail, die Hinweise von Labelkontakten. Alles gut gemeint. Alles mit dem stillen Wunsch verbunden, dass ich es irgendwie schaffe, mich damit zu beschäftigen. Ich schaffe es nicht. Nicht alles. Nicht mal annähernd.
Früher erschien ein Album, und man hatte Zeit damit. Man hörte es durch. Dann nochmal. Dann nochmal, weil man den dritten Track noch nicht wirklich verstanden hatte. Heute stapeln sich die Muster. Physisch auf dem Schreibtisch, digital im Postfach. Irgendwann ist der Stapel so hoch, dass ich nicht mehr weiß, wo ich anfangen soll – und dann fange ich gar nicht erst an.
Das ist der Moment, den ich am meisten hasse. Dieser Punkt, an dem die schiere Menge die Motivation killt. Nicht weil die Musik schlecht wäre. Sondern weil das Gehirn einfach abschaltet, wenn die To-Do-Liste das Fassungsvermögen übersteigt. Ich höre dann stattdessen ein altes Album, das ich kenne. Und fühle mich dabei gleichzeitig schuldig und sehr wohl.
Irgendwo da drin ist eine Perle. Ich finde sie! Oder auch nicht…
Das eigentlich Tragische daran ist folgendes: In diesem Überfluss steckt garantiert Musik, die ich lieben würde. Alben, über die ich gerne geschrieben hätte. Bands, die eine Besprechung verdient hätten. Die aber im Stapel verschwinden, weil ich schlicht nicht dazu komme. Und die Promoter? Die sind meistens nett. Die verstehen das sogar. Trotzdem bleibt ein schlechtes Gewissen, wenn wieder eine freundliche Nachfrage ins Postfach trudelt – „Hast du schon reinhören können?“-– und die ehrliche Antwort wäre: Es liegt noch eingeschweißt auf dem Schreibtisch. Neben drei anderen, die auch noch eingeschweißt sind.
Ich mache jetzt das Postfach zu. Ich höre ein altes Album, das ich kenne. Bis zum Ende. Wahrscheinlich von den Scorpions. Die hören ja eh nie auf.
Bis nächsten Freitag,
yours Doc Rock

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