
Achtung, kurze Frage vorab: Wie viele Abschiedstourneen hat eine Band, bevor es wirklich vorbei ist? Falsche Antwort: eine. Richtige Antwort: so viele, wie der Tourneeveranstalter noch Hallen füllen kann.
Willkommen in der merkwürdigen Welt des Rockstar-Abschieds. Einem Ort, an dem „Final Tour“ ungefähr so verbindlich ist wie „Ich ruf dich morgen an“ nach einem durchzechten Abend.
Die Scorpions machten es vor, mit einer Eleganz, die man ihnen nicht hoch genug anrechnen kann. 2010 verkündeten sie das Ende. „Sting in the Tail“-Album, große Abschiedstour, Taschentücher raus. Klaus Meine sang sich die Seele aus dem Leib, Matthias Jabs ließ die Gitarre weinen, und irgendwo in einer Arena in Hannover dachte man: Das war’s. Danke, tschüss, schönes Leben. Wer’s geglaubt hat, kauft auch Brücken. 2015 waren sie wieder da. Neues Album. Neue Tour. Und das Publikum? Strömte rein. Weil: natürlich.
Kiss machen daraus gleich ein Geschäftsmodell
Aber der eigentliche Großmeister des ewigen Abschieds ist natürlich Kiss. Gene Simmons und Paul Stanley haben den Begriff „End of the Road“ 2018 ausgerufen – mit einer Inbrunst, die man ihnen fast geglaubt hätte, wenn man nicht wüsste, wer da auf der Bühne steht. Zwei Männer, die ihr eigenes Merchandise so ernsthaft betreiben wie andere Leute ihr Rentenportfolio.
„End of the Road“ läuft seitdem. Und läuft. Und läuft. Fünf Jahre, zig Kontinente, irgendwann verliert man den Überblick. Dafür verliert man nie das Feuerwerk. Das bleibt. Das ist vielleicht die eigentliche Botschaft: Die Pyrotechnik geht nie in Rente. Nur die Menschen dahinter tun so. Und dann, weil offenbar noch nicht genug war, kam die Ankündigung, Kiss als Avatar-Show weiterzuführen. Digital. Ohne echte Bandmitglieder. Man muss das kurz sacken lassen: Die Abschiedstour endet damit, dass die Band durch Computerfiguren ersetzt wird. Gene Simmons hat den Kapitalismus nicht erfunden. Aber er hat ihn eindeutig perfektioniert.
Dabei ist das alles kein Vorwurf. Wirklich nicht. Die Mechanik dahinter ist so simpel wie menschlich: Fans wollen Abschied nehmen. Immer wieder. Jede Generation will dabei gewesen sein, wenn die Legende zum letzten Mal die Bühne betritt. Und solange jemand eine Karte kauft, gibt es keinen wirklichen Grund aufzuhören.
Ozzy Osbourne hatte mehrfach seinen Abschied angekündigt. Elton John brauchte für seine „Farewell Yellow Brick Road“-Tour fünf Jahre und 330 Shows. Mötley Crüe unterschrieben 2014 feierlich und öffentlich einen „Cessation of Touring Agreement“ – ein tatsächliches Dokument, das besagte: Wir hören auf. 2022 tourten sie wieder. Das Dokument war scheinbar nicht notariell beglaubigt.
Die Wahrheit ist: Eine Band, die wirklich aufhört, verschwindet einfach. Keine große Tour, keine Pressekonferenz, kein Konfetti. Die, die Abschiedstourneen veranstalten, haben noch etwas zu sagen. Oder zumindest noch etwas zu verkaufen. Beides ist menschlich. Beides ist Rock’n’Roll. Und mal ehrlich: Würdet ihr nicht auch hingehen? Nochmal? Zum letzten Mal?
Eben.
Bis nächsten Freitag,
yours Doc Rock

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